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Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 99

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 99 (sequence 115)
Language
German
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IRI
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beeinflusst die Richtung der allgemeinen Harmonie; er selber aber lässt sich von dieser Harmonie nicht fortziehen, sondern beharrt auch ferner in seiner Isoliertheit und Eigenart, bleibt extrem, beschränkt, nur der Pflege einer einzigen „Seite" ergeben, ohne einer andern irgend welchen Raum zu gönnen. Da er nun niemals die Möglichkeit hat, sein Streben vollständig erfüllt zu sehen, ist er immer zorn- und schmerzerfüllt und bleibt sein ganzes Leben hindurch „ein Mann des Zankes und ein Mann des Streites für die ganze Erde".*) Ja noch mehr, seine Mitbürger, jene „vielseitigen" Zwerge, die das Produkt der allgemeinen Harmonie darstellen, rufen hinter ihm her: „Närrisch der Prophet, verrückt der Mann des Geistes!"**), und blicken mit stolzer Verachtung auf seine „Beschränktheit" und seine extremen Bestrebungen, ohne zu ahnen, dass sie und ihr Leben samt dessen vielen Seiten nichts weiter sind als die Folge des Zusammenstosses der Einflüsse jener beschränkten Riesen. Anders ist der Priester. 'Er tritt erst auf den Plan, nachdem es dem Propheten gelungen ist, seinem Gedanken Bahn zu brechen, die „mittlere Bewegung" in einem gewissen Masse nach seiner „Seite" hin abzulenken und so eine neue „allgemeine Harmonie" unter den bewegenden Kräften herzustellen. Obwohl auch er, der Priester, im Dienste dieses Gedankens steht und dessen Erhaltung wünscht, kann er doch nicht zu jenen Geistesriesen gezählt werden. Da er den Mut, der zu einem ewigen Kampfe gegen die Notwendigkeit und die Wirklichkeit erforderlich ist, nicht besitzt, ist er eher geneigt, sich vor der Notwendigkeit zu beugen und mit der "Wirklichkeit einen Kompromiss zu schliessen. Anstatt in der Beschränktheit des Propheten zu verharren und von dem Leben Unmögliches zu verlangen, bildet er sich eine umfassendere Anschauung über das Verhältnis zwischen diesem und dem von ihm vertretenen Gedanken und fordert nicht mehr „was sein muss", sondern „was sein kann", d. h. nicht den Gedanken an sich in seiner ganzen Eigenart und Vollständigkeit, sondern jene zusammengesetzte Harmonie, die durch dessen Vermischung mit den übrigen Kräften entstanden ist. — Dies ist das Banner des Priesters, das er hochhält und für das er kämpft, nicht mehr gegen die Wirklichkeit, sondern im Gegenteil im Namen der Wirklichkeit gegen alle ihre Gegner. Der priesterliche Gedanke ist also keine Elementarkraft mehr, sondern nur noch die zufällige Zusammensetzung verschiedener Kräfte, zwischen denen kein wesentlicher Zusammenhangbesteht; nur dass sie zufällig zu einem bestimmten Zeitpunkt auf dem Schauplatz des Lebens zusammentrafen und sich mit ihren Wirkungen an einer mittleren Bewegung notgedrungen beteiligen mussten. Der lebendige absolute Gedanke, der alles zu absorbieren und alles zu beherrschen strebt, der, selbst un- *) Jeremias 15, 10. **) Hosea 9, 7. 99

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