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Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 98

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 98 (sequence 114)
Language
German
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pereat mundus! Und wenn auch, weder die übrigen Kräfte noch die Naturgesetze vor ihnen zurückweichen und die Welt trotzdem bestehen bleibt, so ist dennoch ihr Streben nicht vergeblich gewesen. Der neue Gedanke wurde durch sie zu einer Eiementarkraft und lenkt nunmehr das Leben, wie die übrigen Kräfte nach ihrer, so nach seiner eigenen Seite hin. Die in der Gesellschaft herrschende Harmonie, als das Ergebnis desZusammenstosses aller Kräfte, muss also durch das Hinzukommen einer neuen Kraft mehr oder weniger eine Aenderung erfahren. Da nun keine einzige Kraft je einen vollen und absoluten Sieg erringt, so kann auch keine jemals ohne die sorgfältige Pflege der ihr ergebenen Männer bestehen. "Wenn aber, — wie es zuweilen geschieht, — nachdem der Gedanke auf die Entwickelung des Lebens einen bestimmten Einfhiss gewonnen hat, seine Vertreter ,,hochsinnige Anwandlungen" bekommen und selber zur Erkenntnis gelangen, dass es-nicht angeht, das gesamte Leben nach einer einzigen Seite hin zu lenken und sich daher in ihrer Genügsamkeit mit dem „Ausgleich", der sich aus demZusammenstoss der Kräfte notwendig ergeben hat, bescheiden, — dann werden zwar sie persönlich bei den Mitgliedern derGesellschaft, den Trägern der allgemeinen Harmonie, weit mehr Popularität und Ruhm ernten. Aber gleichzeitig hört auch ihr Gedanke auf, eine besondere Elementarkraft zu sein, und selbst der Einfluss, den er bereits errangen hat, wird modifiziert und verringert durch die Thätigkeit der anderen Kräfte, sowohl alter wie neuer, die auf ihrem Posten stehen und den Schaden des Gegners auszubeuten suchen, während jene Kraft keine besonderen Träger mehr hat, die sie pflegten und ihrenWirkungskreis aui fremde Kosten zu erweitern strebten. * * * Dieser Unterschied zwischen den beiden verschiedenen Arten einer moralischen Thätigkeit zu Gunsten eines und desselben Gedankens ist derselbe, der im Altertum die Priester und die Propheten voneinander trennte. Der Prophet ist „einseitig". Ein bestimmter ethischer Gedanke füllt sein ganzes Inneres aus und absorbiert seine ganze Persönlichkeit samt seinen Sinnen und Empfindungen, so dass er nicht imstande ist, selbst für einen Augenblick seine Aufmerksamkeit von ihm abzuwenden. Er kann die "Welt nur durch das Prisma seines Gedankens schauen, und sein ganzes Wollen und Streben ist darauf gerichtet, diesen in allen Erscheinungen des Lebens in seinem vollen Umfange zu realisieren. Für dieses Ideal kämpft der Prophet sein ganzes Leben lang mit dem Aufgebot seiner ganzen Persönlichkeit, vergeudet seine Kräfte ohne Rechenschaft und ohne Erbarmen und will nicht im geringsten die Verhältnisse des Lebens und die Forderungen der allgemeinen Harmonie berücksichtigen. Er schaut immer nur das, was nach seiner persönlichen Ueberzeugung sein muss und nicht, was nach Massgabe der Verbältnisse ausserhalb seiner Persönlichkeit sein kann. — Der Prophet ist daher eine Elementarkraft. Seine Thätigkeit 98

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