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Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 97

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 97 (sequence 113)
Language
German
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aufzudrücken, ohne sich im entferntesten um die Existenz seiner Rivalen zu kümmern und ohne zu ihren G-unsten selbst vorübergehend auch nur um einen Schritt zu weichen; es sei denn, dass es gegen seinen Willen durch einen seiner Rivalen, die genau ebenso handeln wie es selbst, zum Weichen gebracht wird. Aber auch dann verzweifelt es nicht und mindert nicht im geringsten seine Ansprüche herab, sondern steht unerschütterlich da, gewappnet mit seiner ganzen Kraft, und passt den Augenblick ab, da es wieder in den Kampf treten könnte, um sich die Feinde zu unterwerfen. Diese Thätigkeit nun, an der sich die ganze Masse der Individuen dieser geistigen Gesellschaft beteiligt, von denen ein jedes missgünstig und engherzig, nach ausschliesslicher Alleinherrschaft strebt, — diese Thätigkeit selbst erzeugt in dem Menschen ein zusammengesetztes und umfassendes, ein vielseitiges und vielfarbiges Leben, in welchem sich alle Kräfte bethätigen, ohne dass auch nur eine von ihnen selbst das halbe Mass ihrer Wünsche erlangt. Zuweilen geschieht es nun, dass im Laufe der Zeit, nach vielen Schwankungen und Wendungen, sich ein ständiges Gleichgewicht zwischen allen Kräften ergiebt, so dass die mittlere Bewegung stets in einer bestimmten Bahn vorwärtsschreitet, ohne dass noch irgendwelche Kraft den Kreis, in den sie gebannt ist, plötzlich zu durchbrechen vermöchte. Dann sehen wir in der Seele des Menschen jene „sittliche Harmonie", die durch ihre ästhetische Aussenseite unser Herz entzückt und die den Griechen, den Vätern der Aesthetik, als das Ziel ihrer Sehnsucht und als das Ideal der menschlichen Yollkommenheit galt. / * Alles Zusammengesetzte, Schöne und Vielseitige, das wir in der Welt sehen und bewundern, ist also nichts weiter als das Resultat des Zusammenstosses mehrerer Elementarkräfte, während diese selbst, im Gegenteil, einfach und absolut einseitig sind; und nur durch das Hinstreben einer jeden von ihnen nach ihrer individuellen Seite hin, ohne sie je zu erreichen, ergiebt sich von selbst die Synthese ihrer aller in einer mittleren Bewegung oder in einer dauernden Harmonie. Von diesem Gesetz bildet selbst das soziale Leben keine Ausnahme mit der ganzen Fülle seiner „Seiten", auch den allererhabensten: der intellektuellen und ethischen. Es giebt keinen grossen Gedanken, der je in der Geschichte zu einer treibenden Kraft geworden ist, ohne dass ihm in seinem Anfangsstadium Männer erstanden wären, die mit dem ganzen Einsatz ihrer seelischen und körperlichen Kräfte ihm dienten und nur ihm dienten. Diese Männer sehen das ganze Leben lediglich durch das Prisma dieses ihres Gedankens, und nur ihn nehmen sie zur Richtschnur in ihrer weltreformierenden Thätigkeit, ohne den. übrigen Kräften, die sich ihm nicht unterordnen, irgend welchen Raum zu gönnen, ja selbst, ohne sich um die ihn hemmenden Naturgesetze zu kümmern, sondern — fiat iustitia, 97

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