Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 81 (sequence 97)
- Language
- German
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Nirgends sehen wir so deutlich wie in der Jargonlitteratur das jüdische Volkstum in seiner Gemütsverödung, in seiner Illusionslosigkeit, in seiner Lebensverachtung. Alle diese Eigenheiten, Folgen eines schmerzvollen Exils, konnten nur in der Sprache des Exils ihren bildlichen Niederschlag finden. Es ist unmöglich, in die Psyche des östlichen Bruders, des Lebensverächters, weil er nie genossen, des Lebensnüchternen, weil er im Banne metaphysischer Illusionen steckt, tiefer einzudringen, ohne den Jargon und die Jargonlitteratur sich zu eigen gemacht zu haben. Wie kommt es aber, dass dieser asketische Druck keinen Gegendruck, keinen Protest des sich ewig bäumenden Lebens erzeugt hat? Oder in welchen Formen brach sich dieser Bahn? Welchen Ausdruck bekam er in der Jargonlitteratur? Auf jede Askese folgt naturgemäss eine „Renaissance des Fleisches". Eine solche Renaissance ist einem exilierten Yolke auf fremdem Territorium mit fremden Lebens¬ und Kulturinteressen höchstens ein Wunsch, ein messianisches Hoffen, ein mystischkabbalistischer Traum, ein Chassidismus, wie ihn Perez uns geschildert hat. Schliesslich wirkt der stetige Druck verkrüppelnd und schafft einen Gemüts- und Seelenzustand, dessen Nutzen vielleicht als historisches abschreckendes Beispiel zu wertschätzen wäre. Die gewaltige Anarchie des jüdischen Gemütslebens im Jargonmilieu bekommt im „Judenwitz" ihren drastischen Ausdruck. Irrtümlich nennt man es „Judenwitz". Es wäre richtiger, das rein Psychologische in dieser Erscheinung zu betonen und sie unter den Begriff Galgenhumor zu rubrizieren. Der Galgenhumor als Volkscharakterzug ist spezifisch jüdisch und bedarf zu seiner Entstehung zweier Faktoren: eines scharfen, analytischen Verstandes und der Seichtheit des Gemütslebens. Das Erlebnis darf keine stärkeren emotionellen Begleiterscheinungen hervorrufen, sonst kommt der fein pointierte Verstand um sein Recht. Es gehört eine ungeheuer einseitige Ausbildung der Verstandesfähigkeiten, ein erschreckend verkümmertes Gemütsleben dazu, immer auf die kläglichsten Erscheinungen des Lebens galgenhumoristisch zu reagieren. Der Galgenhumor ist der hervorstechendste Zug des Jargons, der Jargonlitteratur, des Ghettojuden überhaupt. Der Jude bewitzelt und belächelt alles, was ihm unter die Augen kommt, sein Witz macht auch vor den grössten Heiligtümern nicht Halt, die besten witzigsten Gotteslästerungen entstammen jüdischem Geiste, und Menschen, Städte, trotz ihrer Namen noch "mit einem typischen „Zunamen" zu bezeichnen, gehört zu den Alltäglichkeiten, die man kaum mehr beachtet. Damit aber ein leidensvolles Leben reichliche Nahrung zu galgenhumoristischer Beleuchtung einem seichten Gemüte geben könnte, müsste es von Grund aus widerspruchsvoll und disharmonisch sein. Der Galgenhumor ist eben die einzige Art des Protestes, in welcher beim 81