Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 80 (sequence 96)
- Language
- German
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Berührungspunkte mit unserer lebendigen Zeit mehr hat, die wie ein morscher exotischer Baum zwischen junge zeitgenössische Pflanzen ihre lebensarmen blassen Schösslinge treibt. Und das Tragikomische dieser Welt erhält für den fremden Beschauer noch eine besondere Nuance, wenn er das stolze Bewusstsein ihrer Träger näher kennen lernt. Denn diese Träger betrachten ihr Milieu als einen gottbegnadeten exklusiven Menschenschlag, als ein auserwähltes Volk, das zum Lobe und zum Amüsement Gottes da ist, und sehen mit ruhiger Verachtung dem Treiben der Völker zu. Erbliche Not, ständige Verfolgungen machten die jüdische Masse, in der die alte Kultur tiefe Wurzeln geschlagen hat, zum Asketenvolk. Aehnlich den Perezschen Kabbalisten sagt sie sich: Wenn wir schon hungern müssen, so mag doch wenigstens die Seele daran profitieren, mögen doch die unfreiwilligen Hungers tage zu gewollten Fast- und Kasteiungstagen werden. Die natürlichen Bedürfnisse sind die feindlichen Mächte, der personifizierte, vielgestaltige Dämon (jezer ra), der das gute Gewissen, das Gottgefällige (jezer tow) auf Irrwege leitet und einschläfert. Der Weg des Asketismus ist der einzig richtige für den, der die abschüssige Bahn des Lasters meiden will. Die ewige Angst, die stabilisierte Welt könnte plötzlich aus den Fugen gehen, legt Riegel und Klammern auf jede freiere Seelenregung der einzelnen, und wäre auch der einzelne ein zartes naives Kind. Sie tilgt jede Spur von Gefühls- und Gemütsleben aus und schafft den bekannten Typus des Ghettojuden mit dem hydrocephalischen Kopf, nervösen Händen und dem paralytischen welken Körper. — Diesen Asketen ist aber das beschauliche Leben eines Einsiedlers versagt worden, sie haben sich nicht in die Wüste begeben, und ihr Widerwillen gegen einen frühzeitigen Tod ist zur Genüge bekannt. Zwei Unsterblichkeitsvorstellungen beherrschen ihr Glaubensleben. Das Volk Israel ist unsterblich, und jeden seiner Söhne erwartet nach dem Tode ein unvermeidlicher, zwölfmonatlicher Aufenthalt im Fegefeuer, worauf eine kummerlose Unsterblichkeit im Jenseits folgt. Infolge dieser Vorstellungen konnte dieses Asketenvolk nie zu einer nationalen Lebensanschauung gelangen, konnte es das Streben nach individueller Selbstentfaltung nie begreifen. Und so entsteht das grausiglachhafte Paradoxon von einem unsterblichen Volke, das mit fadenscheinigen alten Hosen schachert. So gelangen wir zu der widerspruchsvollen und tragikomischen Zusammenstellung von Unsterblichkeit und Lebensenge, zu der inneren Welt eines verkümmerten, sich unsterblich dünkenden Volkstums, das in seinen Familientugenden stecken geblieben ist, dessen flügellahme Lebensideale sich auf die religiöse Erziehung der Söhne, Verheiratung der Töchter und Versorgung des Familienvaters mit einem Leichenkittel und einem Häuflein palästinensischer Erde an seinem Todestage bescheidentlich beschränken. 80