Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 82 (sequence 98)
- Language
- German
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Jargonjuden mit der Weltverachtung unbewusst auch die Selbstverachtung zum Ausdrucke gelangt. Es wird jetzt viel debattiert über die Zukunft des Jargons und seiner Litteratur. Der Jargon hat seine aufrichtigen Feinde, er wird als Brandmal des national geknechteten Judentums empfunden, die trostlose Goluspsyche hat sich in ihm verkörpert, man möchte ihn gern als historischen Nachlass irgendwo in einer Rumpelkammer wissen. Jetzt, wo die jüdische Renaissance schüchtern ihre ersten Blüten spriessen lässt, will man nicht von dem Dornenkranz der Golussprache gequält werden. Es ist schwer, die Zukunft einer Sprache vorauszusagen, die trotz aller Einflüsse naher Sprachgebiete fest mit dem Geiste des jüdischen Volkes zusammengeschmolzen ist, sich ihm biegsam angepasst hat. Allerdings bildeten diese Jahrhunderte, die Zeit der Verschmelzung und Anpassung, eine lange Periode des stetigen jüdischen Rückganges, der allmählichen Verkümmerung der jüdischen Persönlichkeit. Gerade die nationalen und individualistischen Aeusserungen haben in dieser Periode ihre höchste Decadence erlitten. Und es ist nicht zu verwundern, dass jetzt, wo diese Ideale zur Parole der jüdischen Renaissance geworden sind, der Jargon als Inbegriff des hässlichen Gegensatzes besonders in Acht und Bann gelegt wird. Nun ist aber die jüdische Renaissance noch in den Anfängen. Sie rechnet mit den jüdischen Massen und schaut hoffnungsvoll auf das Jargonmilieu, das allmählich zu einem national-politischen Empfinden erzogen werden soll. AVollen aber die Vertreter der modernen Nationalbewegung Fühlung mit den Massen bekommen, ihre, wenn auch entartete Psyche verstehen lernen, so müssen sie sich dem Jargon und seiner Litteratur nähern, als einem der wenigen Interpreten der jüdischen Volksseele. Der Jargon soll nicht nur ein Mittel zur Erziehung der Massen sein, er ist auch das bewährteste Mittel zur Ausreifung des Verständnisses der jüdischen Intelligenz für das Volk und dessen kranke und leidvolle Seele. tü£S* A£=I* Cz^iii Psgi? CzSii &z£H ts£i? CzSii CzSii K^5? Cs£i? CzSü Es2S? Cs&mi 82