Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 79 (sequence 95)
- Language
- German
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Für diese souveräne Welt ist besonders charakteristisch das grenzenlose wirtschaftliche Elend ihrer Bewohner. Diese aussichtslose Not, die ans Betteltum grenzt, hat ihre Eigenheiten und Besonderheiten, ist leicht vom englischen Pauperismus zu unterscheiden und hat wenig Gemeinsames mit dem russischen Bauernelend. Von englischen Kollegen unterscheidet sich der jüdische Pauper durch die Fähigkeit, seine Armut ungeschmälert auf seine direkten Nachkommen zu überliefern, und er selbst könnte mit grösserer Leichtigkeit als manch deutscher Baron eine weitverzweigte Genealogie seines Betteltums zusammenstellen. Der jüdische Pauper verdankt seinen Ursprung ganz anderen historischen Ursachen, er ist nicht der Verkommene, aus höheren Schichten in die tieferen Hinab geschleuderte, sein Mutterboden ist die Kleinstadt und das Dorf nicht minder als die Fabrikstadt. Oekonomisch mit dem köstlichen Namen Lumpenproletarier gekennzeichnet, hat er in den meisten Fällen von Fabrikxmd Industriecentren nicht die blasseste Ahnung. Und dennoch ist seine Not etwas anderes als das russische Bauernelend. Trägt sie doch den Städtercharakter an sich, ist doch das jüdische Lumpenproletariat durch seine wirtschaftliche Nullwertigkeit ein Ding, das theoretisch notwendig zu Grunde gehen müsste. Der grösste Epiker dieses spezifischen Elends ist Sch. J. Abramowitz, und ein jeder, der es in lebensvoller, tendenzloser Darstellung studieren will, muss sich an die Jargonlitteratur und an den Jargon überhaupt wenden, als an die einzige Stätte, wo ■die Eigenart jüdischer Not aus jedem Satze hervorlugt. Allein trotz des grossen materiellen Elends, das wie eine böse Krankheit sich von Generation zu Generation fortschleppt, zeichnen sich die Menschen der Jargonwelt, •die Gestalten eines Abramowitz und Perez, durch ihre eigenartigen, verfeinerten Kulturformen aus. Voll von altehrvvürdigen Satzungen, reich an religiös-ethischen Traditionen, gebunden an das Beth-Hamiclrasch, wo zu keiner Tages- und Nachtzeit •die traurigen Weisen der Talmudeifrigen verstummen, wo in alten wurmstichigen Schränken Hunderte von Folianten mit vergilbten und zerschundenen Blättern zu öffentlichem, kostenlosem Gebrauch stehen, stossen sich die Menschen durch ihr kurzes leidenschweres Leben hindurch, bar aller irdischen Illusionen, mit einem einzigen felsenfesten Glauben an die Gerechtigkeit eines Jenseits. Wir treffen die höchst entwickelten kirchlich-synagogalen und Farnilientugenden an, wir sehen, wie jede Lebensregung des einzelnen schon aus alten Zeiten her von einer reich verzweigten theologischen und religiös-ethischen Litteratur prädestiniert worden ist. Wir stehen einer •eigenartigen, stabilisierten Welt gegenüber, einer alten und verknöcherten, die keine 79