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Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 76

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 76 (sequence 92)
Language
German
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UEBER JARGON („JUEDISCH") UND JARGON LITTE RA TUR. VON DR. J. ELJASCHOFF (KOWNO). Die moderne Jargonbelletristik hat alle charakteristischen Merkmale einer echte'n Volkslitteratur. Die Welt, die in ihr zur Abspiegelung gelangt, ist fest umgrenzt, fühlt sich souverän jeder anderen gegenüber, schreitet in ihrem Wollen und Fühlen nie über die eigenen engen Volkstumideale hinaus und sucht sich die wenigen dazu erforderlichen produktiven Kräfte aus ihrem eigenen Milieu. Jede Lebensänderung, hervorgerufen durch das Dazwischentreten einer fremden Nationalität, wird von den Bewohnern dieser stets beherrschten, aber zäh ihre Eigenart bewahrenden Welt als eine grobe Störung ihrer Existenzgesetzmässigkeit empfunden, als eine schwere Anomalie, als ein grosses nationales Unglück (gesera). Soziale und Familiendramen können plötzlich durch das machtvolle Wort der russischen oder einer anderen Staatsregierung eine aufgezwungene Schlichtung finden. Allein innerlich ist man empört über den deus ex machina, über die unwahre Lösung dramatischer Konflikte. Die Illusion einer jüdischen volkstümlichen, man könnte fast sagen nationalen Souveränität tritt deshalb so voll und ganz vor den Augen des Jargonlesers hervor, weil die Jargonlitteratur fast ausschliesslich sich mit den tieferen Schichten des jüdischen Volkes beschäftigt, mit den gequälten und geistig von Europa abgewandten Gestalten, die noch bis auf heute den Kern der jüdischen Massen in Russland, Galizien u. s. w. ausmachen. Sie nimmt iu ihren Bereich nur flüchtig die peripheren Schichten auf. Bei den letzteren ist die Integrität des jüdischen Bewusstseins infolge ausser volklich er Beeinflussungen allmählich in Brüche gegangen und besitzt nicht mehr die Kraft, intakt in die Erscheinung zu treten. Die Jargonlitteratur weiss deshalb nichts von denjenigen seelischen Konflikten zu erzählen, die auf dem Boden der Verarbeitung zweier nationaler Kulturen emporwachsen. Sie kennt auch nicht den sogenannten „Judenschmerz", der für den modernen, geistig hoch entwickelten Juden so typisch ist. Erfasst von dem Ideen- und Farbenreichtum der zeitgenössischen Kultur, findet der moderne Jude den nationalen Boden nicht, wo er den Ueberschuss am Empfangenen im Einklänge mit seiner nationalen Seele frei und tief verarbeiten könnte. Daraus entspringt der „Judenschmerz", von dem der Kern des jüdischen Volkes wie auch sein Spiegel, die Jargonbelletristik, kaum noch Notiz nehmen kann. Und wenn auch hie und da annähernd ähnliche Konflikte gestreift werden („Kliatsche" von Abramowitz, ausgesprochener in manchen Novellen von Perez), so berühren sie uns als verwaiste, schnell vorüberhuschende Klänge, die mit der grauen Eintönigkeit des jüdischen Milieus unmöglich verschmelzen können. 76

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