Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 65 (sequence 81)
- Language
- German
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Es ist einem jeden wohl bekannt, wie gut Tobia seinen Töchtern ist. Sie wohnen nicht nur in seinem Hause, sondern kochen auch auf seinem Herd. Und abgesehen von der Mitgift erhielten seine Schwiegersöhne, die fast alle „Fuhrenbesitzer" waren, die Erlaubnis, auf seinem Grund und Boden Fuhren und Pferde ausruhen zu lassen, da ihnen die Mittel zur Stallmiete nicht reichten. So oft seine Töchter erkranken oder, was öfter sich zu ereignen pflegt, in Wochen kommen, kocht Tobia für sie, macht das Haus an ihrer Statt rein und versieht andere häuslich-nützliche Dienste; denn seine ohnehin kranke Frau weilt den ganzen lieben Tag auf dem Markte, wo sie Eier, Zwiebeln, Erdäpfel und anderes Gemüse feilbietet, um das Haus mit Hilfe Gottes, der ihr noch nie seine Gnade entzog, wenigstens notdürftig zu ernähren. Tobia, der mit seinen Schmachtlocken und dem breiten Gürtel wie ein Gesetzeskundiger aussieht, kennt sich in den Büchern nicht besonders aus. Die Bedeutung der einzelnen Worte im Gebete empfindet er auf seine Weise. Und was für ein Gebet immer er zum Allmächtigen emporsendet, er denkt stets nur an sein Haus, dass es der Ewige vor Feuer und anderen elementaren Unglücksfällen behüten und beschützen möge. Im AVinter gehen die Gebete dahin, dass Gott den Mauern seines Hauses Kraft verleihen möge, den Unbilden der Witterung Widerstand zu leisten, und im Sommer, dass es die Ziegen nicht beschädigen mögen, die sich zu ihrem Vergnügen an den AVänden reiben. Und wenn er aus dem Psalter betet, wie es schon einem ernsten Familienvater geziemt, schliesst er das Wohl seines Hauses in die einzelnen Kapitel ein; denn sein Haus füllt sein Dasein aus ... Es ist ihm unmöglich, sich selbst ohne sein Haus zu denken, wie es ihm etwa unmöglich wäre, seinen Körper ohne Gliedmassen sich vorzustellen. Das Haus beschäftigt sein Hirn, sein Herz und alle seine Gedanken. Seine ganze innere und äussere Welt erhält einen Inhalt durch sein Haus . . Das Leben aber ruht nicht und hat nicht festen Stand. Es schillert vielmehr in mannigfachen Farben, in denen der Trauer und der Freude, und da gibt es ein Steigen und Sinken seelischer Zustände, Poesie und Prosa . . . An Tagen, an denen irgend ein ungesehenes Loch plötzlich in den Wänden seines Hauses sichtbar wird, die Thüre plötzlich bricht oder das Dach ein Leck bekommt, wenn der Ofen allzusehr raucht oder die Rinne sich vor Altersschwäche beugt, da empfindet er unsäglich freudige Gefühle, es beherrscht ihn wie eine Feststimmung, denn er selbst macht sich an die Arbeit, um den Schaden gut zu machen. Da erhebt er sich gewöhnlich in frühester Morgenstunde von seinem Lager, um mit Müsse das Morgengebet verrichten zu können, nimmt etwas Warmes zu sich, entledigt sich seines Ueberrockes, schnürt fester seinen grünen Gürtel an, ganz wie ein arbeitender Christ, 65