Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 64 (sequence 80)
- Language
- German
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SEIN HAUS. VON M. J. BERDYCZEWSKI (WARSCHAU). AUTORISIERTE UEBERSETZUNG AUS DEM HEBRAEISCHEN VON D. ROTHBLUM. Tobia, oder wie man ihn nennt, Ascher Tobia, ist sein Leben lang ein armer Mann. Er wohnt in den Ruinen seines kleinen Häuschens, in der Nähe des Beth- Hamidrasch, auf dem Marktplatze eines kleinen jüdischen Städtchens. Er besitzt einen recht schwächlichen Körperbau, zwei trübe Augen und eine stotternde Zunge. Untauglich zu einem Handwerke oder sonst irgend einer Beschäftigung, ist er doch kein gewöhnlicher Müssiggänger. Er ist sozusagen ein „Hausherr", also kein Durchschnittsmensch, vielmehr hochgeehrt bei sich selbst, wie es schon einem Menschen geziemt, der ein wirkliches Haus besitzt. . . Und all seine Armut mit ihren auf ewiger Tagesordnung stehenden Entbehrungen, ja sogar seine Frau mitsamt ihren Kindern und alles andere auf Erden und im Himmel sind ihm ganz nebensächlich angesichts dieses Hauses, das er von seinen Eltern, Gott habe sie selig, ererbt hat, und die es wieder von ihren Eltern, welche im Paradiese ruhen, als Erbgut erhalten haben. Augenscheinlich ist sein Haus ja nur eine Art Dach aus altem Stroh, das auf Wänden von bröckligem Grestein ruht, in denen wiederum sich ein grosses und drei kleine Löcher befinden, in seiner Sprache: die Thüre und die Fenster. Zu beiden Seiten dieser sogenannten Thüre ist's wie schwarz betünchte Steinhaufen mit einem glatten Kieselstein vor der Schwelle — doch es ist sein Erbgut, der grosse Inhalt seines Lebens. In diesem Hause kam er zur Welt und erblickte seine Jugend, hier heiratete er sein Weib, und hier wurden seine Kinder geboren. In diesem Hause verlobte er seine Töchter, deren Bräutigamen er zur Mitgift einen Teil des Hauses verschreibt . . . Jeder Bräutigam erhält eine von seiner Hand verfertigte Urkunde mit einem etwas alternden Mädchen. Nach der Hochzeit zieht zwar der Eidam die Urkunde hervor und fordert seinen Hausteil, zunächst mit Güte, dann immer barscher, um dann den Familienstreit Schiedsrichtern zur Entscheidung zu überlassen oder vor dem Rabbiner einen kombinierten Prozess mit mündlichen Streitverhandlungen und grossen Beweisaufnahmen zu führen. Am Ende kommt es zu einem Vergleich: Tobia behält das Haus und der Eidam die Tochter. Man muss ja Billigkeitsrücksichten walten lassen; er hat ja noch eine zweite und eine dritte Tochter, für die er Bräutigame suchen muss, und die werden ja auch zumindest eine Urkunde verlangen . . . wer wird sich mit einem Anschluss an eine alte Urkunde begnügen wollen? . . . Und so wiederholt sich immer die Geschichte^ da auch die kleinen Töchter grösser werden und schliesslich heiraten müssen. 64