Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 61 (sequence 77)
- Language
- German
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Sie sind ja überhaupt so verschieden voneinander, und sie gelangen zu so ganz verschiedenen Schlussfolgerungen. Das liegt an ihren verschiedenen Ausgangspunkten, an ihren verschiedenen Temperamenten. Der eine ist vom Bethamidrasch nach Europa gegangen, der andere kommt von Europa in die Judengasse; der eine ist ewig zum Weinen aufgelegt, der andere ist von einer burschikosen Lustigkeit; der eine geht gebückt und gedrückt einher, und seine Stimme ist oft dumpf und heiser, der andere ist aufrecht und gerade, und sein frischer Ton ist ebenso frei von Weinerlichkeit wie von Bitterkeit — es fehlt ihm das Golusgepräge. Daraus ergibt sich ihr verschiedenes Verhältnis zur Tradition. Sie lehnen sich beide gegen die Tradition auf, wie sich auch Gordon gegen sie auflehnte. Aber Bialik hat bei aller Auflehnung ein zärtliches Verhältnis zur Judengasse, er sieht schöne Seelen hinter dem äusseren Schmutz, und zum Bethamidrasch zieht es ihn dämonisch hin; Tschernichowski kehrt dem Alten skrupellos den Rücken und wirft sich bedingungslos in die Arme des Neuen; Bialik steht zerknirscht „an der Schwelle des Bethamidrasch," Tschernichowski kniet in Anbetung „vor der Statue des Apollo". Bialik und Tschernichowski repräsentieren die Keime der grossen, befreienden Synthese, denen unsere Kulturentwickelung zustrebt. Wir werden dem einen nicht ins Bethamidrasch und dem anderen nicht zur Apollo-Statue folgen. Die neue jüdische Kultur, die wir suchen, liegt anderswo: sie wird nicht aufgeputzte Tradition sein, aber auch nicht hellenische oder arische Kultur. Wir suchen unsere Kultur, die individuelle Nuance unserer Rasse, als mitschaffenden Kulturfaktor, wir wollen die Fülle von Schönheit, von eigener Schönheit, die Jahrtausende gebunden war, wieder frei machen und zur höchstmöglichen Entwickelung bringen. Wir denken gar nicht daran, die Vergangenheit auszulöschen; aber „wir wollen vom Gestern nur das nehmen, was ein Element des Morgen werden kann." Bialik und Tschernichowski tragen in sich die Keime dieser kommenden Entwickelung. Sie haben das heftige Pochen unserer Herzen vernommen, und haben Worte gefunden für die dämmernden Gefühle unserer Seele. Aber heute können wir weder mit dem einen, noch mit dem andern gehen. Denn wir wollen nicht zurück gehen, unter gar keiner Form; wir wollen weiter, wir wollen anders gehen. Wir erwarten in fiebernder Sehnsucht den grossen Tag, da ein neuer, eigener Weg gefunden werden wird, der zum Lichte führt und zur jungen, eigenen Schönheit. fe=S* CjSctR Cä£i? Gs£tR tiSü E££f? C££i* Cä£S* KsS? C^nff EsSS? EsstR E£==I* ts£« GsSi? 61