Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 60 (sequence 76)
- Language
- German
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erschütternden, nationalen Tragik, in welche die Ballade ausklingfc. In finsterer Nacht, auf fremder Erde, erschlägt ein Bruder den anderen — und beide kämpfen für fremdes Recht und für fremde Freiheit. Da verstummen alle Theorieen. Das ist die Kehrseite der Verbürgerlichung, das sind die grausamen Folgeerscheinungen der Heimatlosigkeit. Kann dies jemand gesund, normal und natürlich finden? Unser Dichter fragt nicht, und antwortet nicht, er erzählt nur die nackte Begebenheit. Aber beim Lesen dieser Begebenheit kocht unser Blut, und alles in uns wird zu heller Revolte aufgepeitscht. Solche AVirkungen erzielt aber nur einer, der ein wirklicher Dichter ist. IX. Bialik und Tschernichowski sind die poetischen Yerkündiger der neuen Epoche, wie Juda Leib Gordon — von dem sie beide so manches gelernt — der poetische Verkündiger der entschwundenen Epoche gewesen. Sie werden uns noch vieles und vielerlei sagen — denn sie sind beide kraftstrotzend und zukunftsreich, und ihr Genius ist im Aufsteigen begriffen. Sie sind beide gesund, kerngesund, dass es eine Freude ist — und das will in unserer armen, kranken Zeit viel heissen. Es ist in ihnen nichts von dekadenter Verschwommenheit, nichts vom neurasthenischen Nacht wandlertum moderner, poetisierender Jünglinge. In ihnen lebt ein unverbrauchter Glaube an das Leben, der Jahrhunderte lang gebunden war; aus ihnen schreit ein leidenschaftlicher Wille zum Leben, den eine tyrannische Tradition immer mehr unterjocht hatte. Deswegen klammern sie sich beide mit gleicher Liebe und Innigkeit an die Natur, an die Mutter Erde, mit der wir beinahe jeden Zusammenhang verloren hatten. Staubige Bücher lagen haufenweise zwischen uns und ihr; man sagte uns, dass sie, die Bücher, das wahre Leben bildeten, und dass man sich an seinem Leben versündigt, wenn man über diese Bücher hinweg zu den Schönheiten der Erde aufschaue. Jetzt aber will unsere Seele, die sich beinahe schief studiert hatte, wieder gerade werden. Das ist der Grundgedanke, der in unserem grossen Mendele Mochersforim lebendig ist, diesem Gedanken hat Achad-Haam wiederholt beredten Ausdruck gegeben, das ist der Sinn der Dichtungen von Bialik und Tschernichowski. Diese Rückkehr zur Natur (durchaus nicht im Sinne Rousseaus) ist aber nicht nur individuell, sondern auch national gemeint. Kein hebräischer Dichter vor ihnen hatte eine so starke Empfindung für die Unnatürlichkeit des heimatlosen Judendaseins. Bialiks „Basode" (Im Felde) ist in dieser Hinsicht besonders bemerkenswert. Und wie sie den Weg zur Natur suchen, so suchen sie auch beide den Weg zum Weibe, das man gleichfalls aus unserem Leben verbannte — Tschernichowski ist dabei stürmisch und ausgelassen, Bialik würdevoll und bedächtig. 60