Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 59 (sequence 75)
- Language
- German
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mensch, derselbe freie, aufrechte Jude, in dem eine heidnische Seele lebt. Und das alles nimmt sich so sonderbar und fremdartig aus im düsteren hebräischen Gewände. Wie lange ist es her, dass wir es verlernt haben, in hebräischen Lauten dem Leben zuzujauchzen? Unsere Dichter waren verdüsterte, griesgrämige Thränenvergiesser, die nicht singen konnten, nur schrill aufschreien in Jammer und Verzweiflung. Da aber kommt dieser junge Jude aus der Krim, mit dem heiligen Lachen auf den Lippen, mit ,,"Weinlaub" im Haar, und geht stolz und aufrecht einher, wie wenn er eine Toga tragen würde, und er spricht ein Hebräisch, das beinahe wie Griechisch klingt. Vielleicht ist Tschernichowski um einige Jahre zu früh zur Welt gekommen — aber eines ist gewiss: der Morgen gehört ihm. Die Sehnsucht der jungen Juden, das, was ich an anderer Stelle „Junghebräertum" nannte, hat in Tschernichowski ihren poetischen Vertreter gefunden, wie sie in Feierberg ihren Erzähler und in Berdyczewski ihren publizistischen Vorkämpfer gefunden hatte. VIII. Tschernichowski hat das mit Bialik gemeinsam, dass sein ganzes Wesen an der Abnormität des heutigen Judendaseins leidet. Das ist ein weiterer, wesentlicher Grundzug seiner Poesie. Er vergiesst darüber keine ohnmächtigen Thränen, er deklamiert nicht mit aufgedunsenem Pathos — er empfindet sie würdig und gross, und aufrecht und grad' wie er ist, mit einer aristokratischen Handbewegung legt er sie bloss. Man lese seine ergreifende Ballade ,,Bejn hamzarim", die eine Episode aus dem letzten griechisch-türkischen Kriege erzählt. Jäh und grausam ist der Krieg hereingebrochen, das volkreiche Salonichi ist öde und verdüstert; besonderer Jammer aber ist im Hause des Rabbi Schemuel, weil sein Erstgeborener als türkischer Freiwilliger in den Krieg gezogen. Die Abschiedsszene muss man bei Tschernichowski selber nachlesen, sie ist von packender, dramatischer Wucht. Und während die Alten in namenloser Bangigkeit Nachrichten vom Kriegsschauplatze erwarten, erhalten sie die Hiobsbotschaft, dass ihr in Paris studierender zweiter Sohn als Freiwilliger auf griechischer Seite kämpfe. Im Schlusskapitel wird eine nächtliche Reiterattaque geschildert. Die türkische Reiterei überrumpelt den ahnungslos kampierenden Feind, der sich heldenmütig wehrt. Die Reiterei kommt dem Feinde immer näher, der sich verzweifelt um seine blaue Fahne schart. Und schon ist einer der Reiter hart an die Fahne gelangt, aber ein Schuss streckt ihn zu Boden. „Und beim Aufblitzen des Schusses, da erkannten sich die Brüder." Das alles ist mit vollendeter Meisterschaft erzählt und mit einer plastischen Kraft, die Bewunderung einflösst. Aber man vergisst alle poetischen Schönheiten ob der 59