Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 56 (sequence 72)
- Language
- German
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Sein Volk sei alt, wie sein Gott alt sei; und starke Gefühle, die die Jahrhunderte niedergedrückt, strebten zum Licht empor. In solcher Stimmung begibt sich der Dichter zur Apollo-Statue, vor der er in Anbetung kniet. Er kniet „vor dem Leben, vor der Kraft und der Schönheit — vor allen Herrlichkeiten, zerstört von jenen Lebensmördern, die den starken, lebendigen Gott in Tefilimriemen lahmgebunden hatten" . . . Das ist Uebertreibung, gewiss. Es denkt niemand von uns ernstlich daran, zum heidnischen Griechentum zurückzukehren und ein Apollo-Anbeter zu werden. Das liegt Uns ebensofern, wie die Zumutung Bialiks, ins Bethamidrasch zurückzugehen. Der Judaismus ist jedem von uns in succum et sanguinem übergegangen: man kann ja die Kulturformen nicht wechseln, wie man ein Hemd wechselt. Das wäre nicht mehr Umwertung, sondern Entwertung unserer nationalen Kultur; das wäre kultureller Selbstmord; das wäre das Aufhören des Judaismus als selbständiger Kulturfaktor. Aber die bewegende Kraft, die Tschernichowski zur Apollo-Statue treibt, lebt in unser aller Seele. Gemeinsam mit ihm kniet das ganze junge Judentum vor dem Leben, der Kraft und der Schönheit, welche Lebensmörder uns geraubt, und zwar nicht, weil sie jüdisch dachten und fühlten, sondern im Gegenteil, weil sie den Judaismus fälschten. Wir brauchen ja nicht zu Apollo zu gehen, um Schönheit und Kraft zu finden; es genügt, wenn wir an die ungefälschten Kulturelemente des vortalmudischen Judentums anknüpfen und auf diesen unseren eigenen Grundlagen unsere Schönheitskultur von morgen organisch aufbauen. Doch wir wollen mit dem Dichter über Schlagworte nicht streiten: am apollinischen Schönheitskultus ist ja nicht das Apollinische, sondern der Schönheitskultus die Hauptsache. Und dieser ist die programmatische Grundlage der Dichtungen Tschernichowskis. Sein vorherrschender Grundgedanke ist die freudige Bejahung des Lebens in Schönheit, und die unbedingte Abwendung von allem Asketischen, Pessimistischen, Einseitig-Geistigen, Rabbinischen und Talmudischen. Diese Grundtendenz kehrt immer wieder: wenn er die Propheten anklagt, dass ihre Wahrheiten dem Volke die Kraft geraubt, „weil ihr verherrlicht den göttlichen Namen und die Werke Gottes nicht sähet, weil eure Sehnsucht der Tod und das Grab, und ihr Leben und Licht nicht begehrtet . . ."); oder wenn er seinen Gott definiert als den „Gott des Herzens," der, im Gegensatze zum geistigen Gott, pantheistisch in allem ist; oder schliesslich, wenn er im Angesichte des Meeres an Bar-Kochba denkt, in dem „alle Quellen des Lebens und des Lichts sich vereinten und unser Mark und unsere Kraft und des Volkes Stolz," und den erst ein Geschlecht wird würdigen können, dessen Augen nicht getrübt sind vom Staube falscher Bücher. Immer ist es derselbe lebensfrohe, lebenshungrige Kraft- 56