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Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 55

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 55 (sequence 71)
Language
German
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Dieser junge, freie Jude ist voll von einer unbändigen Lebenslust, und in seinem Kopfe schwirren tolle Liebesträume. Er gebärdet sich wie ein losgelassener Sträfling, der wild hinaustollt ins Freie, in Wald und Feld und Wiese, der sich nicht sattsehen kann an all' diesen Wundern der Natur und des Lebens, und der in seinem glücklichen Freiheitsrausch nichts davon wissen will, von wo er gekommen und wie eng und finster es daheim gewesen. Er will gemessen, das neue Leben in vollen Zügen schlürfen — und zum vollen Geniessen gehört das Vergessen. Hier ist nichts von Abrechnung mit der alten Welt — sie ist tot für ihn; hier ist nichts von der lyrischen Sehnsucht nach der neuen Welt — er ist in ihr, er geniesst sie, und er strahlt und jauchzt vor Freude und Uebermut. Die Grundstimmung seiner Lieder ist die ausgelassene Lustigkeit eines tollen Jungen, dem es gelungen ist, sich der Fessel zu entledigen und in die Freiheit hinauszukommen. Die AVeit ist so fabelhaft schön, und: die Sonne ist so unendlich gütig, und die Mädchen haben so wundervolle, grosse, verträumte Augen — und der grosse tolle Junge jauchzt, dass er der ist, dass er mitleben darf in dieser schönsten aller Welten, dass er sich wärmen darf an den wohlthätigen Strahlen dieser grossen, reichen Sonne, und dass es ihm gestattet ist, hineinzublicken in ein Paar grosse, tiefe Mädchenaugen, VII. Diese Launen werden bald Ernst und sie wachsen sich zu einem Programm aus. Tschernichowski will die Lösung unseres Kulturproblems gefunden haben. Er verliert nicht viel Zeit am Negieren und Herumhadern mit dem Rabbinismus, er will das Tote nicht überflüssigerweise nochmals totschlagen. Er geht geradeswegs auf sein Ziel los. Seine Umwertung (eine Art Rückwertung!) ist eine einfache Substituierung: an Stelle des Judaismus (als Weltanschauung gedacht) setzt er den Hellenismus. Das wird mit feierlicher Pose in seinem wundervollen Gedicht „Lnorlach pessel Apolo" („Vor einer Apollo-Statue") verkündet. Es ist ein programmatisches Gedicht, das uns mitten in die centralsten Gedanken des Dichters einführt. Der Dichter steht vor der Apollo-Statue, und es wird ihm klar, dass er innerlich zurückgekehrt ist zu dem ,,in Vergessenheit geratenen Gott, der die Leidenschaften jugendfrischer Menschenkinder beherrscht." Er, der Jude, ist zu diesem Gott zurückgekehrt, gegen den er einen „ewigen Krieg geführt". „Ich bin der Erste, der zurückgekehrt zu Dir — am Tage, da mich erfüllt mit Ekel die ewige Agonie — am Tage, da ich zerbreche die Ketten der Seele — meiner lebensfrohen Seele, die klebt an der Erde." 55

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