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Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 54

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 54 (sequence 70)
Language
German
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der verzückte Schwärmer, der verweichlicht und zerknirscht „an der Schwelle des Bethamidrasch" die Kultur der Faustmacht, des Rausches und der Sinneslust feierlich abschwört. Das ist der neue, starke, irdische Jude, der Jude von dieser Welt, der mit geballter Faust das All zum Kampfe herausfordert, schwelgend im Gefühle der überströmenden Jugendkraft. Hier redet Bialik unsere Sprache, die Sprache der neuen Juden. Hier singt er das grosse, starke Lied, das in unserer Seele lebt — und wir verstehen ihn. V. / - - Ich beschränke mich heute auf diese flüchtigen Andeutungen. Bialik soll hier nur gewissermassen signalisiert werden, denn sein "Werdegang ist noch nicht abgeschlossen. Wir haben ihn beginnen, werden und wachsen gesehen, wir haben den Aufstieg seines Genius miterlebt, während dessen sich sein Horizont geweitet und seine zarte Seele gekräftigt hat. Er hatte am Anfang verdächtige Anfälle von asketischer Lebensverneinung, und jetzt ist er im Begriffe, ein lebensfreudiger Kraftmensch zu werden. Er begann als Kompromissmensch, als Halber, als Unentschlossener, der sich zu nichts Grösserem verstieg, als Licht ins Bethamidrasch zu tragen, und jetzt erscheint er als ein Ganzer, ein Starker, ein Rücksichtsloser, bereit, auch zu zertrümmern und zu zerstören. Er hat als weinerlicher Melancholiker begonnen, dessen Stimme immer von Thränen erstickt war, jetzt ist er ein wollender, glaubender, hoffender Lebensbejaher. In Bialik ist die schöpferische Kraft des jüdischen Geistes zu neuem Leben erwacht; in seinen Liedern hören wir den Pulsschlag eines genesenden Volkes, das einem neuen Morgen entgegengeht. Bialiks Verse sind wie die Vorboten des noch ungeschriebenen grossen Befreiungsliedes. Es zieht durch sie wie ein Rauschen ferner Wälder und friedlich murmelnder Bäche, und es erfüllt sie der süsse Duft heimatlicher Gefilde und ein starker, beglückender Erdgeruch. VI. Saul Tschernichowski ist frei und aufrecht, wie ein Arier. Er w7ar nie im Cheder, er schleppt nicht die'Last der Judengasse hinter sich, und er sträubt sich mit Händen und Füssen gegen die niederdrückende Macht der Tradition. In der wilden, freien Schönheit der Krim offenbarten sich seinen Sinnen zuerst die Mysterien der Natur. Hier träumte er seine ersten poetischen Träume, die für sein späteres Werden bestimmend wurden. Und er ward ein hellenisierender Geniesser, ein Verherrlicher des Lebens, der Schönheit und der Kraft. Seit Jahren führt ihn sein Weg abwechselnd nach Odessa und Heidelberg, und auf diesen zaubervollen Hintergründen spinnt er fort die goldigen Traumgewehe seiner Kindheit, die den Inhalt seiner Lieder bilden. 54

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