Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 53

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 53 (sequence 69)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
91% known words query
IRI
…/1112869-9323001--060-9304637
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

der Morgenstrahlen, die um sein Fenster schelmisch hüpfen, das geheimnisvolle Weben dankler, schweigsamer Nächte, das alles ist ihm tiefes Erlebnis, beglückendes Ereignis. Dieser Dichter hat ein mächtiges Empfinden für die Seele in den Dingen, für die Offenbarungen einer das All erfüllenden Weltseele. Seine Gedichte „Zafririm" (Morgengeister), „Zohar" (Licht), „ßazej lajla" (Nachtmysterien), „Schire kajiz" (Sommerlieder), „Mischire hachoref'' (Aus den Winterliedern) — sind farbensatte, farbengeschwängerte Ausdrücke erlebter Naturimpressionen. Das ist Freiluft-Poesie, von einer erstaunlichen Kraft und Sicherheit des Empfindens. Das gilt insbesondere von dem letzthin im „Haschiloach" veröffentlichten „Mischire hachoref" (Aus den Winterliedern). Hier erhebt sich die Kraft und Ausdrucksfähigkeit des Dichters zu einer Höhe, vor der wir in Ehrfurcht das Haupt beugen. Ein eisiger, nordischer Wintertag ist herangebrochen, das Licht und die Luft sind hart und schneidend, wie in Erz gegossen. Glitzernde Funken erfüllen die Luft und ein prachtvolles Morgenlicht ergiesst sich darüber, das keine Wärme hat, nur Helligkeit. Eine brennende Kälte knistert durch das All und pflanzt in die Herzen eine ungekannte Kraft — ,,so hell und so kalt und so sicher, wie dieser Wintertag." „Die Wangen flammen, jede Muskel gespannt, und fest ist der Schritt, wie der Schritt von Titanen; gierig atmet man die eisige Luft, wie Eisen rinnt das Blut durch die Arme, und zu einer Eisenfaust ballt sich die Handfläche zusammen, und ein rasendes Verlangen erwacht in der Brust, zu zertrümmern mit einem mächtigen Faustschlag den Himmel von oben und die Erde von unten." Wild wirft er sich in einen Schlitten: ,,0, Kutscher, wie ein Adler fahre mich in endlose Weiten, dort wo die Wange sich rötet und aufgepeitscht wird wie Spreu vor dem Sturme die Kraft und die Jugend, und auf unbebauter Erde, weit und hell, mag ausströmen wie Asche die gigantische Kraft." Aber das muss man lesen, das muss man erleben! Es gibt bei uns vielleicht noch keine Ohren für solche junge, starke, neue Töne. Denn sie sind völlig neu! Zu einer solchen Kraft des Naturempfindens, zu einer solchen Fülle und Energie des Ausdrucks hat sich kein hebräischer Dichter vor Bialik erhoben. Und dennoch ist dieses Gedicht echt jüdisch, das heisst: aus der Gemütsstimmung des zeitgenössischen Juden herausgewachsen. Der Bethamidrasch-Krüppel will ein Faustmensch werden; der lange geknebelte Körper schreit nach Befreiung. Ueber den Talmudjünger kommt es wie ein heiliger Rausch der gesteigerten Lebensgefühle, und die erwachte Kraft schreit nach voller Bethätigung. Dieser Talmudist will mit gespannten Muskeln die Welt in Trümmer schlagen, will sich ausleben, will auf unbebauter Erde seine gigantische Kraft ausströmen. Man sieht: Bialik ist in den acht Jahren, seit seinem „AI saf Bethamidrasch", ein beträchtliches Stück weitergegangen. Das ist nicht mehr 53

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.