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Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 52

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 52 (sequence 68)
Language
German
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an die Seele kam das "Wasser, allein sie blieb unversehrt." Und er entschliesst sieb, zurückzugeben; er habe dort nichts zu suchen; er gehöre nicht in jene Welt der Faustmacht, des Rausches und der Sinnlichkeit; er wolle fürderhin für Recht und Wahrheit kämpfen. Und gehobenen Tones prophezeit er: „Du wirst nicht untergehen, du Zelt Sems, du wirst wieder aufgerichtet und deine "Wände werden wieder leben. Wieder aufrichten werden wir diesen zerstörten Tempel Gottes und erhellen seinen Raum, und weit öffnen seine Fenster, und Licht wird strömen in diesen schattenvollen Raum." Das ist stark, das ist schon beinahe pathologisch. Diese perverse Kulturmüdigkeit ist beim jetzigen Stande unserer geistigen Entwickelung ganz und gar deplaziert. Bialik spielt sich hier auf eine Art Huysmans heraus, aber das ist stark verfrüht. Wir, die Anfänger, die wir kaum unsere geistige Wiedergeburt begonnen, wir sollten schon kulturmüde, kulturübersättigt sein? Nein, das ist nervöse Dichterlaune. Hier haben [sich die zwei Grundelemente der Bialikschen Poesie, seine hypochondrische Verzweiflung und sein] Schönheitskonservatismus, zu einem Ideenparoxysmus verstiegen, den niemand ernst zu nehmen braucht. IV. Glücklicherweise ist der Dichter nicht lange „vor der Schwelle des Bethamidrasch" in poetischer Verzückung stehen geblieben. Die letzten Jahre brachten eine entscheidende Wendung in seinen Grundtendenzen und in seinen bewegenden Impulsen. Freunde schematischer Einteilungen würden sagen: Bialik ist in den letzten zwei Jahren in eine neue Periode seines Schaffens getreten. Das Gedicht „Paame Awiw" (Frühlingswehen. 1900) kündigt diese Wendung an. Der Dichter meldet beglückt das Nahen des Frühlings: Ein anderer Wind weht, weite Horizonte offenbaren sich, warme Dünste erfüllen die Luft, ein weiches Licht bricht hervor, und ein reiner, keuscher Gesang ergiesst sich; bald wird auch die Kraft des gebundenen Lebens hervorbrechen, und blühen wird die ganze Fülle der Jugend und alle grossen, fruchtbaren Kräfte. „Bald werden in weissen Blüten auch meine neue Jugend und meine alten Träume hervorschiessen, und mein übervolles Herz wird in Freiheit singen, und glitzernde Thränen werden meine schwarzen Zweifel wegwaschen — es weht ein anderer Wind ringsum!" . . . Es ist ein grosses Erwachen über den Dichter gekommen, und er steht vor der Welt, wie der erste Mensch am ersten Schöpfungstage. Alles erscheint ihm wie ein Wunder, wie noch nie Dagewesenes. Das Erwachen des jungen Tages, das Locken 52

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