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Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 51

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 51 (sequence 67)
Language
German
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Tinzusammengesetzteil Gefühlen und ihren kümmerlichen, aber ganzenLebensäusserungen. Dieser Stimmung gibt das kleine Gedicht „Bitschuwati" (Bei meiner Eückkehr) Ausdruck. Nach langer Wanderung ist er heimgekehrt; hier hat sich in den langen Jahren nichts geändert. .Derselbe welke Greis mit vertrocknetem Gesicht, der sich wie ein Schatten über seinen Büchern bewegt; dieselbe welke Alte, die unermüdlich im Strümpfestricken wie im Schelten ist; und auch dieselbe Hauskatze, ein altes Familienstück, das man sich aus diesem Hause gar nicht wegdenken kann. Die langen Jahre sind an ihnen allen spurlos vorübergegangen; doch gefällt es dem Dichter in dieser welken Traulichkeit so gut, dass er nichts anderes wünscht, als „in ihre Gesellschaft aufgenommen zu werden und zusammen mit ihnen hinzuwelken". Das ist mehr als ein poetischer Witz. Der Dichter hat ein starkes Gefühl für diese eigenartige Poesie des Stagnierens, des Welkens, des langsamen Hinsterbens; für dieses naive Sichverzehren ohne Ziel, für diese grandiosen, fruchtlosen Bemühungen — für dieses ganze, staubige, alte, runzlige und welke Leben. Das mag ja alles unendlich lächerlich sein und auch unendlich traurig — aber es ist auch gleichzeitig so erquickend und so rührend schön, wie alles Ganze und Unbewusste. Es gibt ja soviel Poesie, die nicht offiziell abgestempelt ist. Auch ein sumpfiger Ententeich und eine einsame Ruine haben ihre Poesie; man muss nur Augen haben, sie zu sehen, und lebendige Sinne, sie zugemessen. Es ist die Poesie der Kehrseite, und Bialik hat Augen und Sinne, sie zu empfinden. Das ist die ästhetische Grundlage seiner Bethamidrasch-Schwärmerei. Aber in dieses •Gefühl, das ihn besonders in seiner ersten Schaffensperiode stark beherrscht, mischen ■sich auch gedankliche Elemente. Diese, ich möchte sagen: unglückliche Liebe zum Bethamidrasch, wird ihm zur fixen Idee, die er nicht loswerden kann. Das Gedicht „AI saf Bet-ha-Midrasch" (An der Schwelle des Bethamidrasch) liest sich geradezu wie ein feierliches Glaubensbekenntnis. Nach langen Irrfahrten steht der Dichter .abermals an der Schwelle des alten, welken, morschen Bethamidrasch, und sein Verfall schnürt ihm das Herz zusammen: Die heiligen Wände des altjüdischen Lehrhauses stehen verlassen und resigniert, gleich schwarzen, stummen Schatten; im Staube liegen ihres Inhalts beraubte Thoraleichen, und welke, grüne Pergamentrollen verwesen in ihren Behältern. Besiegt und enttäuscht und verzweifelt kehrt der Dichter zurück. .„Wir kämpfen wie Helden, aber wir wurden zurückgeschlagen." Wofür kämpft er, und von wem wurde er zurückgeschlagen? — Es war das grosse Ringen des Geistes, der Kampf des Bethamiclraschjüngers gegen die Uebermacht des europäischen Gedankens. Er streckt aber die Waffen. Es erging ihm schlecht auf diesem Schlachtfelde. „Beinahe hätte ich meinen Gott verloren, meine Welt ging in Trümmer, bis 51

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