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Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 47

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 47 (sequence 63)
Language
German
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sah — „eine Welt, deren Himmel das Geld ist; Menschen, deren Leben ihr Brot; einen Frieden mit eisernen Armen; eine Wahrheit, die kalt ist und finster". Und über all diesen Jammer eines äusseren und inneren Schiffbruchs, der seiner Dichtung den Stempel aufdrückt, erhebt sich ein anderer, weiterer, tieferer, unpersönlicher — der Gattungsjammer des Bethamidrasch. Man kann nicht lebensfreudig sein, wenn man seine goldigsten Jahre inmitten der kahlen Düsterkeit der altjüdischen Lehrstube und des weltfremden Talmudismus verleben musste. Taufrische Träume schwirren durch den Kopf des Fünfzehnjährigen, die Augen trinken gierig die täglich neugeborenen Schönheiten der Welt, die durch das enge Fensterloch des Bethamidrasch hineinlacht, die jungen Sinne erwachen, und alle Lebenskräfte blühen und wachsen — aber die Folianten ruhen und locken und drohen, bald einschmeichelnd und verheissend, bald wieder warnend und streng, und der Fünfzehnjährige zermartert sein junges Gehirn über die unwirklichen Weisheiten einer lebensfernen Kasuistik, bis sein Mark vertrocknet und sein Blut verwässert und seine Seele verglimmt wie eine verlöschende Kohle und die Sinne langsam absterben und verstumpfen — bis der Jüngling ein Greis geworden. Diesen Bethamidraschjammer malt das unvergleichliche „Hamatmid" (etwa: „Der Büffler"). Dieses Gedicht wird bleiben; es gehört zum Vollendetsten, das unsere Poesie hervorgebracht. Seit Lilienblums „Chatot neurim" hat keiner den grausamen Gegensatz zwischen Lebenstrieb und Talmudismus so grell und so überzeugend geschildert; aber was dort publizistische Kampfparole ist, wird hier in poetisch verklärter Melancholie aufgelöst. Und dieser alte Stoff wird hier so jung, so jungfräulich! Der Talmudjünger ist ja schon durch alle Hände gegangen: Smolenski hat vier Bände lang in seinem Innern gewühlt, Braudes hat ihm ein unvergängliches Denkmal gesetzt, Gordon hat ihn besungen; die neue hebräische Literatur ist eigentlich vorwiegend Bachurim- Literatur. Aber keiner hat diese merkwürdige Golusspezies des Bachurtums, diesen bornierten Idealismus, diesen donquixottischen Heroismus des Geistes und diese erschütternde Tragik zwecklos verlorener Jugenden so wahr, so hellseherisch und so ergreifend geschildert wie Bialik. Hier lebt der Bachur „unsterblich im Gesänge", noch ehe er im Leben untergegangen. Niemand, der „Hamatmid" gelesen, wird je den Eindruck dieser (allerdings mehr typischen als individuell herausgearbeiteten) Gestalt vergessen, die nun unerbittlich zum Tode verurteilt ist; dieser Gestalt, die erhaben ist und komisch, bewunderungswürdig in ihrer einzigen Geistesenergie, lächerlich in ihrer absoluten Zwecklosigkeit und erschütternd in ihrer inneren Tragik, an der sie unfehlbar zu Grunde gehen muss. Es ist eine visionäre Kraft in diesen Strophen, die das Intimste und Geheimste einer Seele bloss- 47

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