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Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 46

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 46 (sequence 62)
Language
German
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Bialik war seither nicht sehr fruchtbar. Seine im Zeitraum von zehn Jahren veröffentlichten Gedichte füllen kaum ein Bändchen, das jüngst im Verlage ,,Tuschija" erschien. Aber das wenige, das er uns geschenkt, rechtfertigt vollauf die Erwartungen, die man an sein erstes Gedicht geknüpft — Bialik ist heute der unbestrittene Nachfolger Juda Leib Gordons in der Würde eines „poeta laureatus" der jüdischen Nation. II. Der Grundzug der Bialikschen Poesie ist tiefe Traurigkeit. Nicht, als ob er an sich und sein Volk und an das Leben nicht glauben würde. Seine Traurigkeit stammt vielmehr aus einer starken Bejahung des Lebens, auf dessen Schattenseite er wandelt. Es ist die Stimmung des Enterbten, der leben will und nicht kann. Die Welt erscheint ihm wie ein ewiger Maimorgen, voll von geheimnisvollen Zaubern und süssen Düften, und die Sonne lacht und lockt allmorgendlich mit ihren tausend glänzenden, glitzernden Strahlen, und laue Winde flüstern süsse Geheimnisse ins Ohr, und die Vögel zwitschern berauschende Lieder — und inmitten dieser herrlich schönen Welt, inmitten dieser Fülle und Helligkeit wandelt er, der Frühgebeugte, ein ausgerauchter Vulkan, und schleppt mühselig die Last des Beth-Hamidrasch, den Fluch einer entbehrungsreichen, freudlosen Jugend und die Tragik eines Volkes ohne Heim. Man versteht seine Niedergeschlagenheit, auch wenn man von seinem Leben nur das wenige weiss, das zwischen den Zeilen seiner Lieder steht. Sein Gedicht „Schirati" (Mein Lied) gibt darüber Aufschluss. In seinem Elternhause herrschte unbeschreibliche Not. Früh verlor er seinen Vater, und seine Mutter musste als Marktweib ihn und sechs Geschwister ernähren. Der Dichter entwirft ein geradezu aufreizendes Bild von Proletarierelend, welches nur durch den heiligen Heroismus der jüdischen Mutter verklärt und gemildert wird. Symbolistisch erklärt der Dichter, wie die Thränen seiner vielgeplagten Mutter in seine Seele drangen. Schon in frühester Morgenstunde musste sie das Nötige für den Tag vorbereiten, und seufzend knetete sie allmorgendlich den Teig zum Morgenbrot für die erwachenden Kleinen. „Mein Herz aber sagt es mir, und ich weiss es bestimmt, dass auch in den Teig sich ihre Thränen ergossen; und als sie das warme Morgenbrot uns reichte, gebacken aus ihrem thränendurchnässten Teig, da verschlang ich es gierig — und da ergoss sich in mich ihre Thräne." Nicht glücklicher war seine innere Entwickelung, über die er in seinem Gedichte „Elile n'urim" (Jugendideale) erzählt. (Fehlt in der Tuschija-Sammlung.) Seine Jugend war von kurzer Dauer, und alles, woran er geglaubt, zerrann wie Seifenblasen. Früh hat ihn die rauhe Faust des Lebens aus seinen Träumen wachgerüttelt, und er 46

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