Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 48 (sequence 64)
- Language
- German
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legen, welche hier nicht mehr eine Einzelseele, sondern ein Stück der jüdischen Gesamtseele ist. Sie ergreifen, erschüttern, peitschen alles in "uns auf, und mitgerissen folgen wir dem Dichter in seinem temperamentvollen Crescendo von feiner Ironie zu derber Entrüstung, und dann zur Empörung und zur heftigen Anklage: Aber wenn ich an ihre Stimme denke — o, diese Stimme! — die stöhnt durch die Nächte wie Sterbende stöhnen, dann schreit es in mir: 0 Gott, Du Gerechter,' warum müssen zu Grunde gehen alle diese Kräfte? . . . Diese Stimme des Talmudjüngers, dieser trübe, hoffnungslose Singsang, der sich schrill und einsam durch die finstere Nacht ergiesst, gleich dem krampfhaften Schluchzen verlorener Seelen — das ist der Verzweiflungsschrei des Golus, das ist das Stöhnen des bis zur äussersten Grenze gesteigerten Judenjammers. Nur wer je diesen Talmudsingsang gehört, ,,wird verstehen können, wie stechend er ist und wie brennend, wie schmerzensreich und wie melancholisch". III. Aber Bialik hängt trotz alledem mit seiner Seele am Bethamidrasch, und es erfüllt ihn mit Schmerz, dass es unwiderruflich aus unserem Leben schwindet. Hier stehen wir vor einer zweiten Eigentümlichkeit des Dichters, die ich „ästhetischen Konservatismus" nennen möchte. Die alten Kulturformen haben sich überlebt, aber mit ihnen schwindet eine Fülle von Schönheit und intimer Poesie aus unserem Leben, die unwiederbringlich ist; das kann der Dichter nicht verschmerzen. Bialik ist aus anderem Holz geschnitzt als Gordon, der fanatische Donnerer, der Programme dichtete und der auch als Dichter nicht aufgehört hat, der publizistische Verfechter von „Ideen" zu sein. Bialik hat kein Programm. Er ist vor allem Schönheitsmensch. Und weil sein Schönheitskultus ein echt jüdischer ist, deshalb sucht und findet er sie auch in der Welt der geistigen und sittlichen Werte. Und er empfindet jede Einbusse an Schönheit als einen nationalen Verlust, als eine Art kultureller Niederlage. Daher seine "Widersprüche: er sucht mit uns allen die neuen Werte, aber er liebt die alten, weil Schönheit in ihnen ist; er ist modern im Denken und konservativ im Fühlen — aber konservativ aus Aesthetizismus. Das ist eine völlig neue Note in der hebräischen Poesie: es ist neu, dass ein hebräischer Dichter Schönheit sacht, Schönheit an sich, Schönheit um jeden Preis; und es ist neu, dass ein hebräischer Dichter mit zärtlicher Liebe am Alten hängt, dass er den Mut hat, konservativ zu sein, frei von Prinzipienreiterei, frei von allen „anerkannten" Programmen. Dieser leidenschaftliche Sucher neuer Werte liebt aus ganzer Seele die „gute, alte Zeit" mit ihren starken, 48