Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 45 (sequence 61)
- Language
- German
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vielleicht der letzte Dichter von gestern, Tschernichowski der erste von morgen; aber in beiden zittert das Heute mit seinen Mischgefühlen und Dämmerstimmungen, mit seinen dumpfen Düsterkeiten und seinem nervösen Suchen. Beide bewegen sich auf dem Grenzgebiete zwischen gestern und morgen. Ihre Lieder sind voll von Todesröcheln und Geburtswehen, von Welken und Blühen. Sie sind beide die Dichter des Umwertungsproblems; der Centraipunkt ihres Dichtens ist die Frage der Revision innerhalb unserer überlieferten Kulturbegriffe, welche die denkenden Juden von heute beschäftigt. Und in beiden beginnt sich jene befreiende Synthese vorzubereiten, welche voraussichtlich das Endergebnis unserer jetzigen Ideengärung sein wird. In ihren herrlichen Strophen finde ich mich wieder, finde ich uns alle wieder. Aus ihnen schreit die namenlose Tragik eines Volkes ohne Land, in ihnen jauchzen die herrlichen "Wonnen des Erwachens und Wiedergeboren werdens; aus ihnen stöhnt der Jammer der Judengasse mit seiner kahlen Freudlosigkeit und seinem jungen Greisentum, und in ihnen frohlockt die junge Lebensfreude und die wilde Naturschwärmerei einer freigewordenen Jugend. In den Dichtungen von Bialik und Tschernichowski singt die jüdische Volksseele ihr Leid und ihr Hoffen mit neuen Worten und in einer neuen Sprache. Kein hebräischer Dichter vor ihnen hat so scharf gehört und so tief gesehen. Keiner hat Worte gefunden, um die ganze Skala unserer Gefühlswelt zum Ausdruck zu bringen. Und weil ihre Seele der Spiegel unserer Gesamtseele ist, darum ist jede ihrer herrlichen Strophen ein ernstes und ein wahres Dokument unseres Ringens von heute. I. Oh. N. Bialik hat vor zehn Jahren im Sammelbuche „Pareles" sein erstes Gedicht veröffentlicht, das „El häzipor" (An den Vogel) betitelt ist. Das kleine Gedicht frappierte durch seinen frischen, entschiedenen Ton, den man bei uns nicht gewohnt war. Der Dichter fragt einen aus den warmen Ländern zurückgekehrten Vogel nach dem Befinden seiner Brüder in der Ferne und nach dem warmen schönen Lande, in dem „seine Ahnen das Leben und den Tod gefunden haben". „Welken auch die Blumen, die ich gepflanzt, wie ich selber hier welke? Einst blühte auch ich in voller Pracht, und jetzt bin ich alt und vermodert." Von ihm möge der Vogel nichts erwarten, er vom kalten Norden könne nicht singen, nur klagen und jammern. „Wandere, mein Vogel, in deine Berge, in deine Wüste, wohl dir, dass du mein Zelt verlassen. Denn weiltest da bei mir, Sangesreicher, dann würdest du mit mir beweinen mein Los." 45