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Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 40

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 40 (sequence 56)
Language
German
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es nicht vorgeschrieben wäre, an jedem Sabbat einen Wochenabschnitt der heiligen Schrift zu lesen. Und beide Sprachen wanderten mit dem Yolke, wie damals die zerbrochenen und die ganzen Tafeln in der Bundeslade vorangingen. Unter den zerbrochenen Tafeln verstehe, ich die Sprache der Bibel, die im Laufe der Zeit uns beinahe abhanden gekommen ist; die Sprache des Talmuds aber ist wie die ganzen Tafeln, da sie länger im Volke lebte und zu seinem Selbst wurde. Freilich, wo es zum Lobe Gottes kam, griff man zum "Wortschatz der Bibel; es fiel aber mehr lähmend als befruchtend aus, weil der innere Zusammenhang mit dieser Sprache lange verloren gegangen war, weil man anders wurde, als man dazumal gewesen war . . . In der grossen Oede der späteren Halacha und der Predigten verwilderte sogar die Sprache des Talmuds, und die Mystik, welche andere Wege ging, verlegte sich mehr auf das Syrisch-Aramäische und schuf sich eine eigene Sprache. Die Sprache der Gottesgelahrtheit war wieder steinern wie die Begriffe, und kein Mensch in Israel hatte etwas Ganzes, Leuchtendes vor sich. Die neuhebräische Literatur war es, die eine Art Renaissance beider' Sprachen, der biblischen und der talmudischen, herbeiführte. Man kann sogar von einem Neuhebräischen schlechthin als von einer Synthese dieser beiden sprechen. Und sonderbar, diese Belebung kam nicht durch das Erwachen der Vergangenheit, nicht durch das Gefühl einer Heimkehr zu seinen Heiligtümern und alten Hoffnungen, sondern umgekehrt durch eine Abkehr, durch ein Neinsagen zu allem bisherigen Ja. — Die Sehnsucht nach Kultur, nach Schönheit, nach Stil im Leben suchte ihren Ausdruck, und es kam in die Sprache wie eine Offenbarung, wie neue Gesetze des Herzens, welche die alten aufhohen. Fast in jedem, der auf diesem Gebiete gebaut hat, lebte ein Zerstörer, ein Ketzer, ein Feind der engen Zelte Jakobs. — Der Geist der Aufklärung und der Freiheit beherrschte die Gemüter — fort mit allem, was dem im Wege steht. Die biblische Sprache wurde "benutzt, um den Sinn für Schönheit, für das poetisch Schöne im Volke zu erwecken, und die talmudische diente zum Streit und Spott, zur Verspottung des Glaubens und zur Bekämpfung alles dessen, was ihm heilig war. So lief alles in die Tendenz aus, in die unverhüllte Absicht, das ganze Volkstum über Bord zu werfen, wobei die Sprache blühte, wobei Stil und kräftiges Leben in sie kam. Freilich fehlte es ihr am letzten, an einem Weltgefühl, da ihre Dichter und Meister vor lauter Theologie und historischer Abrechnung die Mächte des Lebens selbst vergassen. Aber auch im ersten Schritt liegt schon der Weg zur Ewigkeit; und wie abstrakt man auch dachte, dämmert doch im ganzen ein neuer Wille und der Trotz des Schaffens. 40

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