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Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 39

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 39 (sequence 55)
Language
German
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DAS NBUHEBRAEISCHE. YON M. J. BERDYCZEWSKI (WARSCHAU). Man denke sich einen jüdischen Jüngling in Russland oder in Polen ein hebräisches Buch lesen; in einem fremden Lande, unter fremdem Himmel in einer Sprache denken und fühlen, die auch anderswo keinen eigenen Boden hat . . . Ringsum herrscht der Gott der Slaven, der Jüngling selbst spricht Jargon, eine Sprache, die aus der germanischen Welt herkommt, seine Urahnen haben arabisch, persisch und überhaupt die Sprache der Völker gesprochen, bei denen sie ein Nachtlager gefunden haben, Bruchstücke verschiedener Kulturen berührten Fleisch und Blut des ewigen Wanderers, und doch gibt ihm die Sprache der Väter genügenden Halt, und er findet in ihr vieles von dem, was sein Herz erfüllt. — Und merkwürdig: auf natürlichem Wege, durch regelrechten, methodischen Unterricht ist es schwer, in das Wesen dieser Sprache einzudringen, wogegen im Cheder, wo die unmöglichste Art von der Welt, jemandem etwas beizubringen, die einzige Lehrweise ist, das Hebräische einem von selbst aufgeht, wie eine innere Anschauung, wie ein Wunder. Man spricht immer vom Hebräischen im allgemeinen, wo es doch aus zwei beinahe verschiedenen Sprachen besteht: der Sprache der Bibel mit ihrem gewaltigen Rhythmus, mit ihrem Reichtum an Farbe und Klang, siegesjauchzend und von Kraft überschäumend, der Sprache der Verkündung, der Propheten und der Psalmen; und der Sprache des Talmuds, kurz und bündig, jedes Wort wie auf einer Wagschale gewogen, der Sprache der Weisheit und der tiefen Wehmut. Wenn man sich an eine Einheit hält und an das Ganze denkt, ist es gar nicht zu begreifen, wie eine in die andere überging, wie man von der kräftigen Bergluft zu der unendlichen Ebene kommen konnte, im Grunde gehören sie wie zweien Völkern, Juda und Israel, an, richtiger den Jaden und den alten Hebräern, dem Volke der Eroberer, das dem Schwerte einen Altar baute, und dem Volke der Lehre und des frommen Buches. Hier herrscht eine andere Tradition, und die Kluft einer anderen Seele wird uns sichtbar; der Geist erhebt sich über den Körper und hat seine Trauer dabei, der Mensch wandelt den Weg des Ewigen und ist von tiefer Bangigkeit erfüllt. AVo die Agada in die Sage ausklingt, wo die Volksseele zur Verklärung kommt, teils nach dem Verlorengegangenen tastend, teils nach den weiten Regionen hinschauend, wird die Sprache des Talmuds sehr melodisch, aber es ist kein Lied dabei, es fehlt ihr die Welle dafür, man könnte sagen das AVort . . . Und nun kommt die endlose Gesetzeskunde mit ihrem trockenen Ausdruck, das Epigramm und der kurzatmige Ausspruch; man würde die Sprache der Bibel gänzlich vergessen haben, wenn 39

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