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Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 29

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 29 (sequence 45)
Language
German
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Volksgenerationen, er knüpft die Geschichte seines Leibes an die Geschichte zahlloser Leichen, die einst geduldet hatten. Er erweitert seinen Kampf und sein mystisches Hoffen. Er wird der Sohn der Jahrtausende und deren Herr. Er erhöht Ton, Sinn und Wert seines Daseins. Er schafft sich neue Möglichkeiten und Formen des Lebens. Zauberquellen eröffnen sich seinem Schaffen, und die Elemente der Zukunft sind in seine Hand gegeben. Die Schaffenden sind die heimlichen Könige des Volkes. Sie regieren das unterirdische Schicksal des Volkes, von dem das äussere nur der sichtbare Widerschein ist. Man kann sie, wie ich schon sagte, mit einiger Analogie-Berechtigung als die Ganglien bezeichnen, in denen sich das Erleben des Volkes einerseits in Aussprechen und sinnvolle Gestalt, andererseits in Handeln und Einwirken auf das eigene Geschick umsetzt. Das Volk ist der schwerfällige Körper, dem das Centraiorgan zugleich die Ausdrucksmöglichkeifc und die Wahlmöglichkeit gibt. Ohne dieses reagiert der nationale Organismus nur in Reflexbewegungen auf die äusseren Anreize. Wo keine Schaffenden sind, oder wo sie vom organischen Leben des Volkes losgelöst sind, da fehlt der immanente Zusammenhang zwischen Erleben und Thun, der dieses zur Antwort auf jenes macht, und eine normale einheitliche Kulturthätigkeit, aber auch ein grosses und freies Schicksal ist unmöglich. Bei einem blühenden und selbstsicheren Schollenvolke darf dieser Einfluss der Schaffenden zu Zeiten wohl unter die Schwelle des Gesamtbewusstseins sinken, keineswegs aber bei einem Volke, das die Segel nach einem fernen und befreienden Hafen gespannt hat. Hier muss er vielmehr unvergleichlich intensiver und offenbarer auftreten. So sind bei einigen slavischen Völkern die Dichter in Wahrheit die Gesalbten und die Boten des Wortes. Andere sind nur gefesselt, wir aber sind auch tief krank. Und vielleicht das Schmerzhafteste unserer Krankheit ist die Stellung der Schaffenden in der Gegenwart unseres Volkes. Sie sind dem natürlichen Leben der Gemeinschaft, aus der sie stammen, entrückt. Sie sprechen eine ganz andere Sprache als die Massen, aus denen sie emporgestiegen sind. Aber sie haben auch einen ganz anderen Willen. Keine Brücke führt von ihnen zu dem dunklen und keimreichen Volke. Aber sie wollen auch keine Brücke. Ist es nur darum, weil sie lieber in der glanzvollen Fremde Satrapen als bei uns die freiesten Fürsten und die Geliebten unserer Sehnsucht und unsere schöneren Brüder im Leid sein wollen? Oder fühlen sie sich mit ganzem Wesen einer anderen 29

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