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Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 28

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 28 (sequence 44)
Language
German
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Zwei Grundmächte des schöpferischen Lebens sind Wurzelhaftigkeit und gebundene Tragik. Freilich wird der Schaffende stets nicht vom Gestern, sondern vom Morgen die Losung und nicht von dem seit jeher thronenden, sondern von dem werdenden Gotte das Gesetz empfangen. Und die gewesenen Dinge werden Thon in seinen Händen sein. Aber seine "Werke sind nur wie Kry stalle und nicht wie Früchte, wenn nicht über aller seiner "Willkür doch die Macht des vegetativen Wesens steht. So fasst er Wurzel in den Gründen seines eigenen Gewordenseins und kann sich nicht bloss in die freie, wechselvolle Luft, sondern auch in das dunkle und unwandelbar überdauernde Erdreich hinein wachsend ausbreiten. Heute führt Satan den Schaffenden nicht auf einen hohen Berg, ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeiten zu zeigen. Sondern aus der Unendlichkeit heraus versucht er ihn, und lockt ihn, sich an das Wesenlose zu verlieren und in die weite Wirrnis zu schweifen, in der alles menschlich Klare und Begrenzte aufgehört hat. Des Schaffenden Eeich ist aber da, wo Gestalt und Gestaltung gedeiht. Darin zu bleiben, ist ihm die Wurzelhaftigkeit ein mächtiger Helfer. Am seligsten wird sie dem zu teil, der auf eigener Erde sitzt. Auf der Erde, aus deren Elementen, aus deren Dürre oder Feuchtigkeit, aus deren Frieren oder Glühen, aus deren grauem oder leuchtendem Himmel, aus deren ebener oder gebirgiger Formung", aus deren armem oder üppigem PfLanzentum, aus deren starrer oder zarter Landschaft das Blut und das Leben seiner Ahnen und darin die Anfange seiner Art entstanden sind. Dem Verbannten aber kann das Gefühl innerlichsten organischen Zusammenhanges mit vergangenem, gegenwärtigem und kommendem Volkstum eine Heimatlichkeit schaffen, die wohl wie die Sehnsucht unzulänglich, aber auch feuerbeseelt wie sie ist. Die andere Grundmacht habe ich gebundene Tragik genannt. Diese, d. h. die erlösende Bejahung eines Widerstreites, ist das Wesen alles Schaffens. In dem Schaffenden wird eine tiefe Verzweiflung und Zerrissenheit zur Harmonie. Er ist nicht einer, der an Abgründen vorübergeht, sondern er hat alles gesehen und alles aufgenommen und wagt es, diese niederträchtige Welt zu wollen. Wie wird nun der in seinem tragischen Gehalte bereichert, der zu seinem Schicksal das Schicksal seines Volkes auf sich nimmt und sich einverleibt! Jude sein ist eine unermesslich tiefe Tragik. Von dieser erfährt, wer an seinem Judentum vorübergeht, nur das Gröbste und Handgreiflichste, das gar nicht zum wesentlich Tragischen gehört. Wer aber sein Judentum in sein Leben aufnimmt, um es zu leben, der erweitert sein eigenes Martyrium um das Martyrium von hundert 28

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