Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 27 (sequence 43)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/1112869-9323001--034-9304611- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Dieses muss immer wieder betont werden: ein Volk ist eine Menschengemeinschaft, deren Daseinsgrund jenseits allen Nutzens und vor allem Nutzen liegt. Die erste Erlösung aber, die dem Einzelnen zu teil wird, ist die Erlösung vom Nutzzwecke. So wird der erlöst, der zum Volke kommt. Er kommt vom Nutzgetriebe zu den ursprünglichen waltenden Kräften, vom Aeusseren des Lebens in sein Inneres, von der Erhaltung im Augenblick zur Erhaltung im "Wechsel der Generationen. Er steigt zu den Müttern hinab. Er wohnt bei einem dunklen und gewaltigen Bildner. Und dieses Andere: jenseits alles Glaubens und vor allem Glauben. Der Glaube hat die Macht verloren, Seelen in den Arm zu nehmen und an das Herz der "Welt zu legen. Heute lügt er dem Leben und thut deinen wogenden Sinnen Gewalt an. Aber wer seinen Gott verloren hat, mag tief verwaist sein. Auf seinem neuen Wege kann da das Volk eine erste Station werden. Diese wunderbare Reihe von Zeugungen und Geburten, in denen die Art sich entfaltet, diese breite vielverschlungene Verwandtschaft kann für ihn der erste feste Boden werden. Er steht noch in einem engen Bezirke; aber schon sieht er, dass der Weg vom Etwasglauben zum Etwassein führt. Man sollte die guten, reichen und einfachen Worte nicht verschwenden. So auch das Wort „Bewegung" nicht. Man sollte nur da von Bewegung sprechen, wo eine Aufwärtsbewegung von Keimen sich kundgibt. Kräfte werden gehemmt, Kräfte wollen frei werden, wollen fruchtbar werden: so bewegen sie sich, so bewegen sie die Welt. Die Bewegung eines Volkes ist das Fruchtbarwerden eines Volkes. Denn auch wenn sie erliegt, ist ihre Tragik von einer einmaligen grossen Fruchtbarkeit durchleuchtet. Im Alltagsleben eines Volkes wirken seine Gemeinsamkeiten — Blut, Schicksal, kulturschöpferische Kraft — so zu sagen rein physiologisch: sie bleiben unter der Schwelle des Bewusstseins. Erst in der Bewegung (oder wenn ein Volk aus Nutzzwecken zu einer Scheinbewegung aufgestachelt wird) werden sie bewusst, weil die Bewegung eine Einheit braucht und diese eben durch die Bewusstwerdung des Gemeinsamen, durch das Werden und Wachsen des Volksbewusstseins zu stände kommt. Durch das Volkstum wird der einzelne allezeit bereichert und gefestigt; durch die Bewegung seines Volkes nur dann, wenn sie es wirklich ist, d. h. wenn er an der Aufwärtsbewegung von tausend und tausend verwandten Keimseelen und an der allgemeinen Produktivierung seines Blutes und seiner Art teilnehmen darf. 27