Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 24 (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE SCHAFFENDEN, DAS VOLK UND DIE BEWEGUNG. EINIGE BEMERKUNGEN VON MARTIN BUBER (WIEN). Die Schaffenden sind nicht „die Intellektuellen". Die reinen Intellektuellen haben zu viel Logik und zu wenig Mysterium im Leibe. Sie stehen auf der "Wahrheit, nicht auf der Wirklichkeit. Das wissen sie nicht, dass Wahrheit nur Bearbeitung, aber nicht Sinn des Lebens ist. Ihr Weg ist eine gerade Linie. „La verite est en marche ..." Sie schlagen sich nicht wund an der Vieldeutigkeit, sie stehen nicht schwindelnd am Abgrunde des Nein, sie vergehen nicht an dem Widerspruch, sie kämpfen nicht mit dem Elohim, bis er sie segnet, sie erfahren nicht die grosse Erneuerung der Seele. Die Intellektuellen treten für Ideen ein und wirken im Dienste der Oivilisation. Die Schaffenden erleben das Einmalige und — schaffen das Einmalige. Die Schaffenden sind auch nicht „die Künstler". Die reinen Künstler sind unvergleichlich mehr auf das Machen aus als auf das Werden. Die vollkommene Technik eines Gebildes ist unstreitig eine beglückend schöne Sache, aber unserer Zeit ist der Sinn für das verloren gegangen, was darüber hinausgeht und nicht mehr Glück, sondern Erlösung bringt: die Berufung und das Schicksal des Berufenen. Auch kcmmt hier ein weiterer Kreis des Materials in Betracht; denn es gibt Schaffende, die ihr Werk aus Menschenseelen, aus Völkern und Kulturen bilden, manche aus dem eigenen Wesen, andere aus ganz losgelösten Werten und Offenbarungen. Der Künstler ist auf Medien der Mitteilung beschränkt, der Schaffende kann auch Dinge zeugen, die ganz innerlich und jenseits aller Sprache sind und die andere Menschen nur mittelbar bewegen. Die Schaffenden sind zugleich die Intellektuellen und die Künstler. Wenn sie mit den Ganglien verglichen werden können, in denen sich der durch Anreize ausgelöste Nervenstrom verdichtet und verarbeitet, so wird ja durch diesen centralen Vorgang zweierlei Reaktion bewirkt: Vorstellung und Willensregung. Die Schaffenden sind die Starken und Vielfältigen, in denen das menschheitliche Geschehen zusammenströmen muss, um zu neuen Entwickelungen in Geist und That zu gelangen. ti: Ein Volk wird zusammengehalten durch primäre Elemente: das Blut, das Schicksal — soweit es auf der Entwickelung des Blutes beruht — und die kulturschöpferische Kraft — soweit sie durch die aus dem Blute entstandene Eigenart bedingt wird. Ein Volk wird nicht zusammengehalten durch sekundäre Elemente: Nutzzweck und Glauben (wie wirtschaftliche oder religiöse Gruppen). 24