Alt-Prager Almanach
- Journal
- Alt-Prager Almanach
- Volume
- 1926
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 127 (sequence 133)
- Language
- German
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Kraft jugendlichen Feuers. Ein Meer von Leidenschaften und Gefühlen brauste mit Allgewalt aus den Saiten hervor. Gretchens verzweifelter Wehruf, des Domes unerbittlich ernster und feierlicher Choral, streng wie das Weltgericht und allmächtig wie Gott, Mephistos böses Element, das alle Schuld von sich ablehnt, und sie auf Gretchens brechendes Herz wälzt, dies Alles trat in Gestalten riesiger Harmonien vor meine Seele, und ich blätterte mit steigender Hast Blatt für Blatt um, und der alte Meister mit seiner heiseren Stimme sang bald Gretchens herzerreißende Klage, bald Mephistos Hohn, bald den mächtigen Choral, und ich merkte es nicht einmal, daß sie so fürchterlich heiser war, und bald nicht hinauf konnte, bald nicht hinab, und daß sie in solchen Momenten pausierte und mich erraten ließ; denn mir war gar nicht als sänge Tomaschek, mir war, als stände ich im Dome und als sänge Gretchen und Mephisto und der Choral, und ich merkte es gar nicht, daß die Kerze im Leuchter herabgebrannt war, und daß sie allmählich verlosch, und daß endlich nur der Mondenschein die Partitur erhellte. Tomaschek aber merkte es auch nicht, und spielte fort und sang fort, wenn ich auch längst nicht mehr umblätterte, und als die Turmuhr von Sankt Veit mit ihrem weithin dröhnenden Halle Mitternacht verkündete, da gingen die Akkorde unvermerkt in die Tonart des Glockenschlages über und begleiteten in den wundersamsten Modulationen die zwölf verhallenden Schläge — — — Der letzte Glockenschlag war verhallt. Tomascheks Hände ruhten noch auf den Tasten, als wollten sie ausatmen lassen den letzten der Akkorde. Dann stand er auf, schlug die Partitur zu und trug sie, ohne ein Wort zu reden, in das Nebenzimmer zu- 127