Alt-Prager Almanach
- Journal
- Alt-Prager Almanach
- Volume
- 1926
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 126 (sequence 132)
- Language
- German
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andern Zimmer etwas suchen, was ich Ihnen vorspielen könnte," sprach er und trat in's Nebenzimmer, indes ich mit dem lieben Mondschein allein in der Stube zurückblieb. Es gibt Augenblicke im Menschenleben, die sehr lange dauern. Ein solcher Augenblick war der, den mich Tomaschek warten ließ. Die Uhr von den englischen Fräuleins schlug ein Viertel nach dem andern, Tomaschek erschien nicht. Es schlug Elf. Da öffnete sich die Tür des Nebenzimmers und Tomaschek trat herein in einem halb phantastischen, halb komischen Aufzuge, halb Unheimlichkeit erregend, halb zum Lachen reizend; über diejenigen Bestandteile der Toilette kultivierter Nationen, von denen man gewöhnlich sagt, daß sie dem Leibe näher seien, als der Rock, hatte er einen dunkelfarbigen Schlafrock geworfen. Auf dem Kopfe trug er eine spitze Zipfelschlafmütze, in der einen Hand den Leuchter mit der Kerze und unter beiden Armen eine bedeutende Quantität von Noten. So trat er herein ins mondbeleuchtete Zimmer, wie eine Gestalt aus einer Jean Paul'schen Geschichte. „Ich will Sie etwas aus dem Faust hören lassen," sprach er, stellte den Leuchter auf's Klavier, zog das Pult hervor, breitete darauf die Partitur aus und setzte sich nieder. „Rücken Sie einen Sessel herbei, und blättern Sie mir fleißig um. Den Faust haben Sie gewiß noch nirgend gehört, am wenigsten in Wien. Die Herren dort tun, als wenn ich gar nicht existierte. Nun, jetzt muß ich mich schon gedulden, bis ich gestorben bin." Eine Pause. Und nun begann Tomaschek die Tasten in Bewegung zu setzen. Massen von Tönen entwickelten sich unter seinen greisen Fingern, als strömte in ihnen noch die 126