Alt-Prager Almanach
- Journal
- Alt-Prager Almanach
- Volume
- 1926
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 88 (sequence 90)
- Language
- German
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BÖHMISCHE LAUTENKUNST UM 1720. Adolf Koczirz. Die Zeit um 1720 bedeutet einen Gipfelpunkt in der Entwicklung der böhmischen Lautenkunst. Es ist die Zeit, die wir in der Geschichte der Lautenmusik als die ältere Periode der neufranzösischen Lautenmusik bezeichnen. Die französische Lautenmusik, die mit Ende des 16. Jahrhunderts in West- und Mitteleuropa den Vorrang vor der italienischen errungen hatte, war in neuartiger Form nach 1650 zur souveränen Herrschaft gelangt. Bereits um 1630 war die französische Lautenkunst von den Pariser Lautenisten auf neue Grundlagen gestellt worden. Die hergebrachte Stimmung der Hauptspielsaiten der Laute nach dem Prinzip Quart—Terz— Quart (absolute Stimmung G-c-f-a-d'-g') mußte einem neuen Einstimmungsprinzipe in Quart—Terz (absolute Stimmung A-d-f-a-d'-f') weichen, an die Stelle der alten Musikformen trat das galante Genre der französischen Suite im Verein mit einer neuen Spielweise und Spieltechnik der Laute, der sogenannten gebrochenen französischen Spielmanier (Brechung oder Nachschlag der Mittel- und Oberstimmen) und den Finessen einer minutiösen Verzierungskunst. Die neue, glänzende Lautenkunst, verkörpert durch Koryphäen, wie den alten Gautier, Sieur de Neüe, dessen Cousin Denis Gautier, Dubut, Dufaut, Emon, Gallot, Mouton usw., feierte ihren Triumph in der feinen Gesellschaft wie in den Kreisen der Intelligenz und des Bürgerstandes. Die neufranzösische Laute ist nicht nur musik-, sondern auch kulturgeschichtlich eine charakteristische Erscheinung, die mit dem intimen Milieu des Rokokozeitalters innig verwoben ist. 88