Alt-Prager Almanach
- Journal
- Alt-Prager Almanach
- Volume
- 1926
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 87 (sequence 89)
- Language
- German
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Während er sich in die kalte Nacht entfernte, folgte ich mit den Blicken dem Spiel seines Schattens, der je nach den Laternen einfach, doppelt und dreifach wurde. Plötzlich schwenkte er die Arme, stieß den jammernden Schrei eines verwundeten Tieres aus und sank zur Erde. Ich stürzte schreiend zu ihm. Ich kniete neben ihm hin und knöpfte sein Hemd auf. Er blickte mich mit irren Augen an und sprach verwirrt: „Danke. Die Zeit ist gekommen. Alle neunzig oder hundert Jahre wirft mich eine schreckliche Krankheit ■nieder. Aber ich werde geheilt und besitze dann genügend Kraft für ein neues Jahrhundert des Lebens." Und er begann zu wehklagen. Währenddessen war, von den Schreien angelockt, die ganze Einwohnerschaft des Judenviertels auf die Gasse gekommen. Die Polizei kam herbei. Auch kaum bekleidete Männer, die in Hast ihre Betten verlassen hatten. In den Fenstern erschienen die Köpfe Neugieriger. Ich entfernte mich und sah, wie sich der Zug der Polizisten entfernte, der Laquedem forttrug, gefolgt von Männern ohne Hut und nur mit Nachthemden bekleideten Dirnen. * * * Bald blieb in der Gasse nur ein alter Jude mit prophetischen Augen. Er betrachtete mich mißtrauisch und murmelte deutsch: „Das ist ein Jude. Er wird sterben." Und ich sah, daß er, ehe er in sein Haus eintrat, seinen Mantel öffnete und sein Hemd diagonal zerriß. (Aus dem Französischen übertragen von Jos. Kalmer.) 87