Alt-Prager Almanach
- Journal
- Alt-Prager Almanach
- Volume
- 1926
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 82 (sequence 84)
- Language
- German
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Ihre Legende schien mir Ihre Rasse zu repräsentieren . . . Ich liebe die Juden, Herr, Sie sind angenehm und haben etwas Unglückliches ... Ist es wirklich wahr, daß Jesus Sie aufgejagt hat?" „Es ist wahr, aber reden wir nicht davon. Ich bin an mein end- und ruheloses Leben gewöhnt. Denn ich schlafe nicht. Ich bin ohne Unterlaß unterwegs und werde noch unterwegs sein, wenn die fünfzehn Zeichen des jüngsten Gerichts erscheinen. Aber ich gehe keinen Leidensweg, meine Straßen sind glücklich. Unsterblicher und einziger Zeuge der Gegenwart Christi auf Erden, bezeuge ich den Menschen die Wirklichkeit des göttlichen und erlösenden Dramas, das sich uns auf Golgatha enthüllt hat. Welcher Ruhm! Welche Freude! Aber ich bin auch seit neunzehn Jahrhunderten der Zuschauer einer Menschheit, die mir die herrlichsten Abwechslungen bietet. — Meine Sünde, Herr, war die Sünde eines Genies, und es ist schon lange her, daß ich aufgehört habe, sie zu bereuen." Er verstummte. Wir besuchten das Königsschloß des Hradschin mit seinen majestätischen, aber trostlosen Prunksälen, dann die Kathedrale mit den Königsgräbern und der silbernen Jagd des heiligen Johann von Nepomuk. In der Kapelle, in welcher man die Könige Böhmens gekrönt hatte und wo der heilige König Wenzel gemartert worden war, machte Laquedem mich auf die Mauern aufmerksam, die aus Gemmen bestanden, aus Achaten und Amethysten. „Sehen Sie, da in der Mitte, die Äderchen zeichnen ein Gesicht mit flammenden und tollen Augen. Man sagt, daß das die Maske Napoleons sei." „Das ist mein Gesicht," schrie ich. „Mit meinen dunklen und eifersüchtigen Augen." 82