Alt-Prager Almanach
- Journal
- Alt-Prager Almanach
- Volume
- 1926
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 78 (sequence 80)
- Language
- German
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Tage noch leben würde. Denn dieses Bild hat die Eigenschaft, jedem, der es ansieht, einen Lebenstag zu schenken. Nun hat dieser Anblick für mich gar keinen Nutzen gehabt, denn ich habe die ironische Gewißheit, daß ich noch manchen überleben werde. Die Richter gaben mir die Freiheit und ich spazierte acht Tage lang durch München." „Sie müssen damals noch sehr jung gewesen sein," stammelte ich, um irgend etwas zu sagen. „Sehr jung!" Er antwortete in gleichgültigem Ton: „Um fast zwei Jahrhunderte jünger. Aber, von der Kleidung abgesehen, sah ich genau so aus wie heute. Es war übrigens nicht mein erster Besuch der Stadt München. Ich war schon im Jahre 1334 dort und erinnere mich immer an zwei Aufzüge, die mir dort begegnet sind. Im ersten führten Bogenschützen eine Dirne spazieren, die im Volksauf lauf kräftig mitschrie und königlich ihren Strohkranz trug, eininfamierendesDiadem, in dessenMitte eine kleine Schelle klingelte; zwei lange Strohhalme fielen bis zu den Knien des Hürchens ab. Ihre gefesselten Hände waren über dem Bauch gekreuzt, den sie vorstreckte, der Mode einer Zeit entsprechend, in der die Schönheit der Frauen darin bestand, daß sie wie schwanger aussahen. Das ist übrigens ihre einzige Schönheit. Im zweiten Zuge führte man einen Juden zum Galgen. Mit der heulenden, vom Bier betrunkenen Menge ging ich bis zur Richtstätte. Dem Juden war über den Kopf eine rotbemalte eiserne Maske gehängt worden. Diese Maske sollte einem Teufelsgesicht ähnlich sehen. Die Nase lief spitz zu und war so schwer, daß sie den Armen zwang, gebückt zu gehen. Eine ungeheure, flache, enge und gerollte Zunge vollendete dieses unbequeme Spielzeug. Kein Weib hatte mit dem Juden Erbarmen. Keine kam 78