Alt-Prager Almanach
- Journal
- Alt-Prager Almanach
- Volume
- 1926
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 77 (sequence 79)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9230935-9249770--088-9234427- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
kommen, nicht müde sein will. Wiltingen schweigend. Ich betrachtete das Profil meines Gefährten. Das Gesicht verschwand fast in der Menge von Bart und Schnurrbart; aber die übermäßig langen, hermelinweißen Haare waren sorgfältig gekämmt. Indessen sah man die dicken, violetten Lippen. Die Nase ragte hervor: behaart und gekrümmt. An einem Urinoir blieb der Unbekannte stehen und sagte zu mir: „Einen Augenblick, Herr." Ich folgte ihm. Ich sah, daß seine Hose ganz altmodisch war. Als wir wieder auf die Straße herausgetreten waren, sagte er: „Sehen Sie sich doch die alten Häuser an, sie haben noch ihre Zeichen, die sie vor der Numerierung gehabt haben. Das ist das Haus 2jxr schwarzen Mutter Gottes, das Zum Adler und das ist das Haus Zum Ritter." Uber dem Tor dieses letzteren war ein Datum eingraviert. Der Greis las es mit lauter Stimme: ,,1721. Wo war ich da? . . . Am 21. Juni 1721 kam ich vor den Toren von München an." Ich hörte ihm erschreckt zu und dachte, daß ich mit einem Irrsinnigen zu tun hätte. Er betrachtete mich und lächelte, seine zahnlose Mundhöhle öffnend. Er setzte fort: ,,Ich kam an den Toren von München an. Aber mein Gesicht schien den Wachposten nicht zu gefallen, denn sie begannen mich auf sehr indiskrete Weise auszufragen. Meine Antworten genügten ihnen nicht, denn sie fesselten mich und führten mich vor den Untersuchungsrichter. Obwohl mein Gewissen rein war, war ich nicht sehr ruhig. Am Wege versicherte mich der Anblick des heiligen Onuphrius, gemalt auf dem Hause, das heute Marienplatz Nr. 17 steht, daß ich wenigstens bis zum nächsten 77