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Das jüdische Echo · 1930-12-19 · 51/52 (19.12.1930) · p. Seite 740

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
17 (1930)
Issue
51/52 (19.12.1930)
Date
1930-12-19
Page
Seite 740 (sequence 16)
Language
German
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740 Das Jüdische Echo Nr. 51/52 Verbindung herzustellen. Was die Menschen in Wirklichkeit schwächt, ist nichts anderes, als eben diese Furcht. Schöpferische Leistung setzt innige Verbindung mit den in uns liegenden inspiratorischen Quellen voraus. Es mag eine Folge der kreuzweisen Anordnung unserer Nervenstränge sein, daß wir geneigt sind, das rechts Liegende als von links kommend, das von unten in uns aufsteigende als eine Inspiration vom Himmel her zu deuten. Lösen wir die Rückverbindung so verstopfen wir die Quellen unserer Kraft, schneiden den Strang, der die inspiratorischen Ströme der Vergangenheit uns zuleitet, ab. Nur wenn wir die Rückverbindung aufrechterhalten, können wir den Gefahren der Außenwelt trotzen. Denn was gewesen ist, ist die Bürgschaft dessen, was kommen wird. Neue Bücher „Das Menschengesicht“ Von Max Picard (Delphin-Verlag, München) Man macht sich gewiß keiner Übertreibung schuldig, wenn man dieses Buch zu den bedeudendsten und erstaunlichsten Neuerscheinungen der letzten Jahre zählt. Erstaunlich ist es deshalb, weil sich in ihm ein religiöses Weltbild von einer Reinheit und Kraft offenbart, wie man es in unserer Zeit nicht erwarten zu können glaubt. Damit ist schon das Wesentliche über das Buch ausgesagt: daß in ihm nicht, wie man dem Titel nach vielleicht annimmt, eine rational-wissenschaftliche Physiognomik gegeben wird, sondern eine religiöse Deutung der Erscheinung „Menschengesicht“. „Das Menschengesicht ist das Ebenbild Gottes,“ so wird am Anfang des Buches gesagt und damit der für den Verfasser allein gültige und allein objektive Maßstab gezeigt. Von diesem Gesichtspunkt aus wird über alles gesprochen, was mit dem Thema zusammenhängt: über den Bau des Menschengesichtes, das Verhältnis von Profil- und Frontalgesicht, die Beziehungen des einzelnen Menschengesichtes zu den anderen Gesichtern und den übrigen Gebilden der Natur, über Alter und Geschlecht, Beruf und Rasse im Menschengesicht und vieles andere; immer wird dabei das Menschengesicht als Sinnbild einer höheren Ordnung gesehen und dargestellt. Und von diesem Gesichtspunkt aus wird mit prophetisch trauernder und anklagender Wucht, die nichts zu tun hat mit einem zur Mode gewordenen Kulturpessimismus, über unsere Zeit das Urteil gesprochen, daß sie eine Zeit des Verfalls und der Auflösung sei. Dem Gesicht des heutigen Menschen fehle jene Verbundenheit mit der Umwelt und dem Ewigen, jene innere Einheit und Ordnung, die das Gesicht früherer Generationen zum „Ebenbild Gottes“ gemacht hat; in ihm spiegle sich — dieser Gedanke zieht sich durch das ganze Buch — der „Abfall unserer Zeit von Gott“ wieder. Von dem inhaltlichen und gedanklichen Reichtum des Buches in einem kurzen Referat einen Begriff zu geben, ist unmöglich. Über sein eigentliches Thema hinaus weitet es sich zu einer umfassenden Weltbetrachtung und Weltdeutung, zu einem religiösen Dokument von solcher Kraft und Eindringlichkeit, daß sich seiner Wirkung niemand entziehen kann. Gewiß wird es seine volle Überzeugungskraft nur auf den Menschen ausüben, der sich ganz zu seinen religiösen Voraussetzungen bekennt. Aber auch den, der dies nicht vermag, werden allein seine literarischen Qualitäten von der Großartigkeit dieses Buches überzeugen. Seine innere Gedankeneinheit verbietet es, einzelnes aus dem Zusammenhang zu reißen, und doch bleiben auch in der Vereinzelung Picards Beobachtungen und Erkenntnisse in ihrer intuitiven Hellsichtigkeit von stärkstem Eindruck auf den, dem seine Gedankenwelt als Ganzes unzugänglich ist; so wenn er den Aufbau des Gesichtes aus seinen Teilen beschreibt und das Gesicht des Kindes, der Frau, des Greises, des Dichters, des Schauspielers oder wenn er den Einfluß der Rasse, der Landschaft erörtert. In Picards Sprache vereinigt sich der feierliche Rhythmus des prophetischen Stils mit der kindlichen Bildhaftigkeit der christlichen Mystiker. Bei allem dichterlichen Reichtum ist sie von einer in der heutigen Literatur wohl beispiellosen Einfachheit und Klarheit und gerade deshalb beim ersten Lesen nahezu unverständlich. Denn der „verbildete“ Leser ist zunächst geneigt, diese ungewohnte Einfachheit für gekünstelte Einfalt und Primitivität zu halten. Erst nach einiger Bemühung erschließt sich die außerordentliche Schönheit dieser Sprache, und man begreift sie als die ganz eigene, notwendige und vollkommene Ausdrucksform für die eigenartigen Gedankengänge Picards. Der Verfasser dieses Buches ist Jude. Die große religiöse Bedeutung des Werkes legt die Frage nahe, wie weit diese Tatsache von Einfluß gewesen ist. In einem Aufsatz im „Morgen“ hat Karl Wolfskehl die religiöse Grundhaltung des Buches in weitgehendem Maße als jüdische bezeichnet. Jüdisch nicht im Sinne jener überspitzten Geistigkeit und Dialektik, die als Eigenart des modernen jüdischen Intellektuellen gilt, sondern jüdisch in seinem „wissensgewordenen Glauben an das Göttliche, dem Wankellosen,, dem gerechten Abwägen und dem inneren Sinn für Einheit und Gesetz, dem vielfachen Verstehen, dem Blick für Zusammenhang, für die Nüance und schließlich der Demut als tiefstem sittlichen Grund“. All dies mag richtig sein, auch wird man den starken Einfluß der Bibel auf die Sprachgestaltung nicht verkennen, und doch ist es andererseits unbestreitbar, daß überall dort, wo Picard an ein bestehendes religiöses Weltbild anknüpft, dies das christliche ist. Der christliche Mythos (Engel, Heilige, Dämonen) ist ihm eine geistige Realität von höchster Beweiskraft. Daß dies mehr bedeutet, als einen nur äußerlichen Anschluß an gegebene Vorstellungen, zeigt sich auch darin, daß das Buch, soweit sich dies übersehen läßt, seine weitaus stärkste Wirkung und Verbreitung in katholischen Kreisen findet. Man wird sich also hüten müssen, in einer in vielen entsprechenden Fällen geübten fragwürdigen Weise eine deutliche jüdische Eigenart des Buches konstruieren zu wollen. So sehr auch in Picards Religiosität manche jüdische Züge hervortreten — von mindestens gleich großer Bedeutung ist es bei der Erwägung dieser Frage, daß die jüdische Religion als Theologie beim Aufbau von Picards Weltbild wohl sehr wenig beteiligt ist, daß dagegen — darauf kann hier nicht näher eingegangen werden — eine starke Beeinflussung durch christliche Denker anzunehmen ist. Jedenfalls verdient das Buch, das bereits in zweiter Auflage vorliegt, in jüdischen Kreisen größere Beachtung, als es bisher gefunden hat. Seine Ausstattung ist schön und würdig. 30 Lichtdrucktafeln zeigen eine Reihe hervorragend schöner und wenig bekannter Köpfe aus allen Zeiten. Sie bilden eine höchst aufschlußreiche und verdeutlichende Ergänzung des Textes. —en.

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