Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 51/52 (19.12.1930)
- Date
- 1930-12-19
- Page
- Seite 739 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 51/52 Das Jüdische Echo 739 „Das war die Rettung zur rechten Zeit“, rief Schlojme aus. Nun ging es ans Einkäufen. Das Geld des Engländers brachte Schlojme Glück. Was er jetzt unternahm, gelang ihm und so wurde er bald wieder ein wohlhabender Mann. Auch von seinen Söhnen erhielt er gute Nachrichten. Der Ältere hatte in London studiert und war Ingenieur geworden. Nun wollte er sich verheiraten und lud seine Eltern zur Hochzeit ein. Das alte Paar machte sich auf die Reise und verlebte in London lustige Wochen. Sie lernten die ungeheuee Stadt von einem Ende zum anderen kennen, besuchten die Theater, Konzertsäle und Ausstellungen. Eines Tages suchten sie ein Museum auf, und denkt euch das Gefühl der alten Leutchen, als sie dort unter einer Glasglocke ihren alten Chanukaleuchter sahen. Sie erkannten ihn auf der Stelle. „Der Engländer war doch nicht verrückt“, dachte Schlojme bei sich. „Es war nicht der Prophet Eiiah“, murmelte die Frau leise. Und lange, lange standen die beiden schweigend, in Gedanken verloren und betrachteten ihren alten Chanukaleuchter. „Quellen der jüdischen Widerstandskraft“ Ein Vortrag Arnold Zweigs Berlin, 8. Dezember. (JTA.) Im Rahmen der von der Berliner Jüdischen Gemeinde veranstalteten religiösen Vorträge sprach Sonntag, den 7. Dezember, Arnold Zweig im Logenhaus zu Berlin über das Thema „Quellen der jüdischen Widerstandskraft.“ Ein vielhundertköpfiges Auditorium lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit den Darlegungen des Redners, der das Problem der Fortexistenz der Juden und ihr Verhalten in einer feindlichen Umwelt gruppenpsychologisch beleuchtete und unter Verwertung modernster wissenschaftlicher Erkenntnisse auf eine allgemeine Formel zurückzuführen suchte. Arnold Zweig führte etwa aus: Für Gruppen, die durch gemeinsame Herkunft und gemeinsame Geschichte verbunden sind, ist es charakteristisch, daß sie auf bestimmte wiederkehrende Situationen immer wieder in gleicher Weise reagieren. So lehrt die jüdische Geschichte, daß die Judenheit in Augenblicken stärkster Bedrohung ihrer Existenz sich nicht etwa zusammenschließt, um in geeinter Front die drohende Gefahr abzuwehren., sondern im Gegenteil gespalten und uneinig ist. Vom biologischen Standpunkt erscheint ein solches Verhalten vollkommen widersinnig. Das bedrohte Einzelwesen, insbesondere das Tier, ist zunächst auf Schutz bedacht. Eine von Hunden verfolgte Katze flüchtet auf einen Baum. Würde sich die Katze umgekehrt mitten unter die Hunde stürzen, so wäre sie wohl im nächsten Augenblick nur mehr ein formloser Fetzen Fleisch. Gerade dieses anscheinend widersinnige Verhalten aber zeigt die jüdische Gemeinschaft im Augenblick der Gefahr. Wie kommt es, daß sie trotz dieses Verhaltens nicht nur nicht verschwunden ist, sondern sich sogar vermehrt hat? Die Existenz einer andersgearteten kleineren Gruppe inmitten einer fremden Umwelt aktiviert deren Agressionstrieb, dessen Auswirkungen mit verstärktem Widerstand seitens der angegriffenen Gruppe beantwortet werden. Dieser Widerstand allein aber wäre zur Selbstbehauptung der bedrohten Minderheit nicht ausreichend. Es müssen somit noch andere Kräfte des Widerstandes innerhalb der jüdischen Gruppe wirksam sein. Falsch wäre es, die Quellen dieser Widerstandskraft etwa auf einen spezifischen Volkscharakter zurückzuführen, dessen Wurzeln in Ereignissen zu suchen wären, die man in die Zeit von 10 000 bis 3000 vor der gewöhnlichen Zeitrechnung oder bestenfalls in die Zeit der Bibel zurückverlegen müßte. Der Aberglaube an sogenannte „nationale Substanzen“ ist unbedingt zurückzuweisen und könnte auch die in Frage stehenden Erscheinungen nicht erklären. Wir müssen vielmehr das Problem allgemein fassen und jene Regeln aufstellen, die das Verhalten jeder bedrohten Minderheit bestimmen. Entscheidend in solcher Situation ist ein psychischer Akt, die „Rückverbindung“. Nicht der „elan vital“, das Hinausstürmen in das Unbekannte ist ein Zeichen der Kraft, sondern die Fähigkeit zu dieser Rückverbindung. Unser eigenes Wesen ruht auf einer Humusschicht, die aus der uns überkommenen Wesenssubstanz unserer Vorfahren besteht. Vor allem wird das Unterbewußtsein, dessen bestimmender Einfluß auf unsere Lebensäußerungen trotz des Widerstreites verschiedener Theorien allgemein anerkannt ist, von dieser Erbsubstaz entscheidend geformt. In Augenblicken der Gefahr, wenn die Spaltung innerhalb der gegebenen jüdischen Gemeinschaft eine Verminderung ihres Widerstandes gegen die feindliche Außenwelt herbeiführen müßte, ist diese Rückverbindung wirksam, das innige Streben nach einem Anschluß an die Kette der Geschlechter vor uns und das Versenken in uns selbst, die wir die Substanz unserer Eltern und Voreltern in uns tragen. Es ist nicht nötig, den Versuch dieses Anschlusses im Sinne der Spiritisten als Rapport zu deuten. Wir kommen mit der naturwissenschaftlichen Erklärung vollkommen aus. Im Augenblick der Menschwerdung geht eine Teilung der überkommenen protoplasmatischen Substanz vor sich. Während die eine Hälfte als somatisches Plasma zum Aufbau des Individuums dient, bleibt die andere Hälfte eine Reserve, aus der kommende Geschlechter hervorgehen sollen. Es ist also wirklich so, daß die Toten in uns weiterleben. Aus dieser Tendenz zur Rückverbindung ist die hohe Bedeutung zu erklären, die der Friedhof im jüdischen Leben hat. Es handelt sich bei der innigen Beziehung der Juden zu ihren Toten nicht um einen Totenkult unter animistischen Vorstellungen, sondern um das Hinabtauchen in den Lebensstrom, der durch uns geht. Ein einzigartiges Mittel, zu den Quellen unserer Kraft zu gelangen., stellt das Studium der jüdischen Geschichte dar. Man ist erstaunt, wie weitgehend die Analogien sind, die zwischen Ereignissen der Vergangenheit und unseren gegenwärtigen Erlebnissen bestehen. Eine zwölfbändige Geschichte des jüdischen Volkes in unserem Hause ist ein Akkumulator, aus dem wir immer wieder Kraft gewinnen können. Allerdings genügt nicht das bloße Erwerben geschichtlicher Kenntnisse. Um diese Kenntnisse verwerten zu können, ist es notwendig, die Rückverbindung mit dem eigenen Unterbewußtsein herzustellen, die Ereignisse der Vergangenheit gewissermaßen unmittelbar und persönlich zu erleben. Es gibt heute eine Gruppe innerhalb des Judentums, die es aus Furcht, ihre gegenwärtige Stellung zu schwächen, nicht wagt, diese Rück-