Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 51/52 (19.12.1930)
- Date
- 1930-12-19
- Page
- Seite 738 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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738 Das Jüdische Echo Nr. 51/52 wir errichten wollen? Aber wo gab es damals schon Städte in Palästina, in denen alleinstehende Immigrantinnen berufstätig waren? Und gar Haifa mit seiner kleinen und wirtschaftlich unentwickelten Bevölkerung kam da gewiß in letzter Linie in Frage. Doch wenn auch dies anders gewesen wäre, unser Grundstück lag viel zu sehr außerhalb der Stadt, um für den beabsichtigten Zweck verwendet werden zu können. Wir wußten es nicht, daß die jungen Mädchen vor allem darauf angewiesen waren, die praktische Ausbildung nachzuholen: ihre haus- und landwirtschaftliche Schulung. Ein modernes hauswirtschaftliches Schulheim und eine Mädchenlehrfarm, diese beiden Dinge schilderte uns Chanah Meisel-Schochat mit strömender Beredsamkeit als die wichtigsten, die wir als organisierte Zionistinnen aus der Fülle der sich stellenden Aufgaben in Angriff zu nehmen hätten, wenn wir an den Fundamenten des Aufbaues mitmauern wollten. Während wir zuhörten, rückten wir Punkt für Punkt von unserem uns lieb gewordenen eigenen Projekt ab, stimmten für das uns vorgeschlagene Programm der „Wizo“ und versprachen, unser Kontingent für das Zustandekommen der praktischen Entwürfe zu übernehmen, da wir die Durchführung der angenommenen Arbeitspläne bei der gewählten Exekutive in den besten Händen wußten. Als wir die historische Tagung von Karlsbad verließen, erfüllte uns ebenso wie unsere Schwesterorganisation die Genugtuung, aus unfruchtbarer Isolierung befreit worden zu sein und von nun ab sachkundiger, kluger Führung zu unterstehen. Uns stärkte das Bewußtsein, fortab auf verläßliche Informationen bauen zu können und Teil einer weltumfassenden Organisation geworden zu sein, die mit vereinten Kräften nur sorgfältig Durchdachtes beginnen und dies auch zu Ende würde führen können. In den verstrichenen zehn Jahren haben sich all diese Empfindungen um so mehr vertieft, als die Vorbildlichkeit der ins Leben gerufenen „Wizo“- Institutionen von allen Seiten gerühmt wird und das gemeinsam Schritt für Schritt Durchkämpfte und Erreichte ein immer enger werdendes Band der Zusammengehörigkeit um uns alle schlang. Dankbar haben wir bei aller Neigung zur Eigenbrötelei den heilsamen Zweck empfunden, der die auseinanderstrebenden Kräfte immer wieder zu einer Einheit bannt. Feuilleton Der Chanukaleuchter Von J. L. Perez Wir haben jetzt Chanuka, und da fällt mir eine Geschichte ein, wie ein frommer Mann durch einen Chanukaleuchter sein Glück gemacht hat. Denkt aber nicht, daß es sich um einen silbernen oder gar um einen goldenen Leuchter gehandelt hat. Es war ein ganz gewöhnlicher Leuchter aus Messing, der sich durch viele Generationen in der Familie vererbt hat und der nicht mehr im besten Zustande war. Eines Tages schloß Schlojme einen sehr vorteilhaften Handel ab. Er wurde über Nacht ein reicher Mann und wußte nicht, was er mit dem vielen Geld anfangen sollte. In der Wohnung wurde alles auf den Kopf gestellt. Die alten Möbel wurden um einen Spottpreis verschleudert und an deren Stelle moderne Möbel angeschafft. Der Schrank mit den heiligen Büchern hatte in der Wohnung keinen Platz mehr und wurde darum dem Bethaus geschenkt. Schlojme legte den Kaftan ab und zog sich einen modernen Anzug an, seine Frau begann das eigene Haar zu tragen und die zwei Knaben kamen auf das Gymnasium. Das bißchen Silberzeug, das noch von der Hochzeit da war, wurde auf Bruch verkauft und Schlojme kaufte Porzellanwaren, Kristallgläser, Bronzestatuen und moderne Bilder. Die Wohnung bekam jetzt einen ganz modernen Anstrich. Aber der Goldrausch war von kurzer Dauer. Bald begann sich das Rad zurückzudrehen, die Geschäfte wurden schlecht, und Schlojme verdiente nichts mehr. Was er auch unternahm, mißlang. Es fiel ihm immer schwerer, die fälligen Wechsel zu prolongieren, und er hatte keinen Kredit mehr. Die beiden Söhne studierten jetzt im Ausland und Schlojme konnte sie nicht mehr erhalten. Schlojme wußte nicht mehr, wo er sich das Geld für den Haushalt verschaffen sollte. „Gibt es nicht entbehrliche Gegenstände, die man ins Versatzamt bringen könnte?“ dachte Schlojme. Es erwies sich aber, daß die Sachen, die er eingehandelt hatte, lauter Plunder waren. Schlojmes Schulden häuften sich, und er wußte sich keinen Rat mehr. Da kam das Chanukafest heran. Schlojme wollte die Lichtlein anzünden. In einer Lade fanden sich einige Kerzen, und nun hieß es, den Chanukaleuchter suchen. Der Leuchter lag unter vielem Gerümpel. Er war schmutzig und verbogen, aber doch ein Leuchter, und Schlojme zündete das erste Kerzchen an. Die Tage vergingen und das Chanukafest ging zu Ende. Es war am letzten Tage Chanuka. Acht Kerzchen brannten in dem Leuchter, während Schlojme und sein Weib in traurigster Stimmung dasaßen: alle Hilfsquellen waren versiegt und es gab kein Stück Brot im Hause. Sie wußten nicht mehr, wie sie ihren Hunger stillen sollten. Da ging die Tür auf und ein Bekannter,* der allerhand Geschäfte vermittelte, trat ein. Lachend erzählte er von einem verrückten Engländer, der für alte unbrauchbare Gegenstände die höchsten Preise zahle. „Vielleicht findet sich auch hier etwas für ihn“, meinte der Agent. „Wie wäre es, wenn ich ihn hereinbringe.“ Nach wenigen Minuten stand der Engländer im Zimmer. Mit einem Blick streifte er alle Gegenstände. Da bemerkte er den Chanukaleuchter, in dem die Kerzchen bereits verloschen waren. Er ergriff den Leuchter und betrachtete ihn von allen Seiten. „Wieviel verlangt ihr dafür“, fragte er mit leuchtenden Augen. Da war die Verlegenheit groß, denn er wußte nicht, was er verlangen sollte, aber der Engländer machte es ihm leicht. Er warf ein Bündel Banknoten auf den Tisch, ergriff den Leuchter und verließ die Stube. „Sagte ich nicht, daß er verrückt ist“, rief der Agent lachend. „Es wird der Prophet Eiiah gewesen sein“, meinte Schlojmes Weib.