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Das jüdische Echo · 1930-12-19 · 51/52 (19.12.1930) · p. Seite 732

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
17 (1930)
Issue
51/52 (19.12.1930)
Date
1930-12-19
Page
Seite 732 (sequence 8)
Language
German
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732 Das Jüdische Echo Nr. 51/52 Dr. Klee (Volksp.) will anerkennen, daß es sich bei den die Ostjuden tief verletzenden Flugblättern um Wahlkampf-Entgleisungen handelt. Die Erklärung Sterns verdient, wenn sie auch eine Selbstverständlichkeit feststem, Dank. Mögen sich gewisse Gemeinden im Reiche, die den Ostjuden noch immer das Wahlrecht vorenthalten, an ihr ein Beispiel nehmen. Möge diese Feststellung das letzte Wort dieser Versammlung sein. Nachdem die Versammlung dem Wohlfahrtsamt 50 000 RM. für außerordentliche Winternothilfe und der Darlehenskasse 20 000 RM. einstimmig bewilligte, begründete Dr. Klee den Antrag, der Volkspartei auf Schaffung eines jüdischen Zentrums im Osten Berlins mit einem würdigen Betraum und Vortragssaal, mit Jugend- und Bibliotheksräumen. Kareski stimmt der Errichtung eines solchen Zentrums zu. Der Vorsitzende, Geheimrat Dr. Julius Stern, ergreift nun das Wort um sich nach ununterbrochener ßOjähriger Wirksamkeit teils als Vorsitzender des Vorstandes, teils als Vorsitzender der Landesversammlung, von den beiden Gremien zu verabschieden. Er nannte in Ehrfurcht die Namen seiner Amtsvorgänger und zeichnete ein Bild des Gemeindelebens in früheren Jahrzehnten. In dieser glücklicheren Vergangenheit war die Atmosphäre auch in der Gemeindestube eine friedlichere. Er, der sein Leben dem Dienste an der Menschheit gewidmet hat, konnte sich zu Parteigeist nie verstehen. Der Geist der jüdischen Gemeinschaft müsse der allein vorherrschende hier werden. Er hoffe auf die neue Jugend. Geheimrat Stern dankte den Repräsentanten für kollegiale Mitarbeit und schloß mit dem Leitsatz aus der Mischna: ,,Die Welt ist gegründet auf Wahrheit, Recht, Friede.“ Heinrich Stern würdigte die Leistungen derer, die nicht mehr in die Repräsentantenversammlung zurückkehren, so u. a. die von M. A. Loeb, Frau Hamburger, Rabbiner Weisse und Frau Eschelbacher, Persönlichkeiten, deren Wirken in diesem Hause nur ein Teil ihrer jüdischen Wirksamkeit ist, und die ihre nun frei werdenden Kräfte der Gemeinde auf anderen Gebieten widmen werden. Zum Schluß nahm er bewegt Abschied von Emil Pincus und Geheimral J. Stern, die den Jüngeren stets als Vorbild dienen werden. Dr. Klee huldigte den ehrwürdigen Gestalten: Julius Stern und Emil Pincus. Emil Pincus nahm dann seinerseits Abschied von den Repräsentanten. Dir. Kareski sprach im Namen des Vorstandes Worte des Grußes an die Patriarchen dieser Versammlung und sagte ihnen Dank für das Beispiel, welches sie gegeben. Wir stehen, schloß er, am Ende eines Wahlkampfes. Es gelte jetzt, arme und zermürbte Menschen zu stützen und die Gemeinde hinüberzuretten in eine hellere Zukunft. Der Bahnhofsdienst des Hilfsvereins der Deutschen Juden Berlin, 5. Dezember. (JTA.) In dem großen Saal im Schlesischen Bahnhof in Berlin, den die Bahnbehörde dem Hilfsverein der Deutschen Juden zur Verfügung gestellt hat, fand ein Presseabend zur Information über den Fürsorgedienst des Hilfsvereins für Durchwanderer an diesem Bahnhof statt, an dem Vertreter großer deutscher und jüdischer Zeitungen teilnalnnen. Herr Arthur Goldschmidt gab zunächst eine Schilderung des Bahnhofsdienstes. Die Mittel für den Jüdischen Bahnhofsdienst wurden vor der Übernahme durch den Hilfsverein der Deutschen Juden ' im Jahre 1921 durch Subventionen des Hilfsvereins und anderer jüdischer Organisationen sowie durch freiwillige Spenden aus einem verhältnismäßig kleinen Kreise aufgebracht. Infolge des immer stärker werdenden Durchwandererstroms stiegen die Ausgaben ständig, die freiwilligen Kräfte, die den Dienst auf dem Bahnhof bisher versehen hatten, reichten bei weitem nicht mehr aus, so daß Beamte angestellt werden mußten, die abwechselnd Tag und Nacht den sehr aufreibenden Dienst versehen. Zu Beginn des Jahres 1921 nahm die Durchwanderung der aus dem Osten nach Amerika flüchtenden Juden immer größeren Umfang an. Der Bahnhofsdienst wurde im Juli 1921 vom Hilfsverein übernommen. Er sorgte für seine Finanzierung und übte über die Tätigkeit der Beamten des jüdischen Bahnhofsdienstes zunächts gemeinsam mit dem Komitee, das den Bahnhofsdienst bisher durchgeführt hatte, Kontrolle aus. Später gingen Verwaltung und Organisation des Bahnhofsdienstes ganz auf den Hilfsverein über. Den Schlesischen Bahnhof passieren Auswanderer aus osteuropäischen Staaten, die nach deutschen, belgischen, französischen, holländischen, englischen, italienischen und anderen europäischen Häfen zwecks Auswanderung nach Übersee gehen bzw. zurückwandern oder aber kontinentale Reiseziele erreichen wollen. Es handelt sich dabei um einzelne Reisende sowie um Auswanderertransporte, die von Schiffsgesellschaften oder jüdischen Emigrationsvereinen organisiert werden. Durch den Bahnhofsdienst des Hilfsvereins werden auch Nichtjuden in erheblicher Zahl betreut. In dem großen Saal, den die Eisenbahnbehörde dem Hilfsverein zur Verfügung gestellt hat, wird den Passanten vorübergehend Aufenthalt gewährt; sie erhalten dort auch Erfrischungen. Der Dienst auf dein Schlesischen Bahnhof wird durch drei vom frühen Morgen bis nachts tätige Beamte versehen. Die Durchwanderer erhalten Informationen betreffend Reise, Behörden, Organisationen, Konsulate. Es erfolgt ihre Überführung nach anderen Berliner Bahnhöfen; Depeschen werden für sie abgesandt; Gepäckangelegenheiten werden erledigt, insbesondere wo es sich um liegengebliebenes und verlorengegangenes Gepäck handelt. Für die ärztliche Behandlung Kranker wird gesorgt. Von den Emigranten werden während ihres Aufenthaltes auf dem Bahnhof schädliche Elemente ferngehalten. Dem Bahnhofsdienst werden von Bahnbehörden, Polizeistationen und jüdischen Institutionen schutzbedürftige Auswanderer zugeführt. In den letzten neun Jahren passierten den Schlesischen Bahnhof 292 000 Aus- und Rückwanderer, darunter sehr viele Frauen und Kinder; sie verteilen sich auf die einzelnen Jahre wie folgt: 1921: 43 000, 1922: 27 403, 1923: 30 090, 1924: 19 381, 1925: 30 125, 1926: 33 837, 1927: 38 105, 1928: 29 693, 1929: 39 775. Der Bahnhofsdienst wird ständig von der Zentrale des Hilfsvereins in Berlin überwacht, von der die Beamten generelle Instruktionen und von Fall zu Fall Anweisungen erhalten. Die Phasen der jüdischen Auswanderung aus Osteuropa Herr Goldschmidt sprach sodann über besonders charakteristische Phasen der jüdischen Auswanderung aus Osteuropa seit Anfang des Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Die wechselnden Dimensionen spiegeln sich in den Zahlen der jüdischen Einwanderung nach den Vereinigten Staaten wider. Die russischen Pogrome in den Jahren 1903, 1905' und den folgenden Jahren hatten eine fluchtähnliche Auswanderung zur Folge. Die Einwanderung nach den Vereinigten Staaten schwoll gewaltig an, sie betrug 1900: 60 764, 1901: 58 098, 1902: 57 688, 1903: 76 203, 1904: 106 236, 1905: 129 910, 1906: 153 748, 1907: 149 182, 1908: 103 387, 1909: 57 551, 1910: 84260.

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