Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 51/52 (19.12.1930)
- Date
- 1930-12-19
- Page
- Seite 731 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 51/52 Das Jüdische Echo 731 scher Regierung für die Juden völlig unbefriedigend sei, Ausdruck. Der Parlamentskorrespondent von „Jewish Chronicle“ erklärt, es werde von Tag zu Tag offensichtlicher, daß diesen Verhandlungen keine oder höchstens eine sehr geringe Bedeutung beizumessen sei. Was nunmehr geschehen werde, sei höchst problematisch, doch sei es klar, daß die Regierung die Oberhand gewonnen habe. Die Palästinafrage bereite den Regierungskreisen heute, nachdem die Nachwahl in Whitechapel vorüber ist, nur mehr geringe Sorge. Wie „Jewish Chronicle“ erfährt, dürfte Schatzkanzler Snowden gegen die von der Regierung in der Palästina-Debatte des Unterhauses geäußerte Absicht, eine Anleihe für die Erschließung Palästinas zu begeben, Stellung nehmen. Seinem Einfluß dürfte es gelingen, das Kabinett zur Ablehnung dieses Planes zu bewegen. Der XVII. Zionistenkongreß für den 24. Februar nach Karlsbad einberufen. London, 12. Dezember. (JTA.) Die Exekutive der Zionistischen Organisation hat den XVII. Zionistenkongreß für den 24. Februar nach Karlsbad einberufen. Im Anschluß an den Kongreß wird wahrscheinlich der Council der Jewish Agency zu seiner zweiten Tagung zusammentreten; die Tagung des Council soll am 3. März 1931 beginnen. Im Hinblick darauf, daß seit dem XVI. Zionistenkongreß und der Gründungstagung der Jewish Agency Ende Juli und Anfang August 1929 in Zürich Ereignisse von einschneidender Bedeutung für den Zionismus und das Judentum, wie die Unruhen in Palästina Ende August 1929 und die Verkündung der neuen Palästinapolitik durch die englische Regierung im Oktober 1930, eingetreten sind, kommt diesen Tagungen eine besondere Bedeutung; zu; das Interesse in der jüdischen und der nichtjüdischen Öffentlichkeit für dieselben ist denn auch ein sehr reges. Wachsende Not der Berliner Judenheit Bewegte Aussprache in der letzten Sitzung der alten Repräsentantenversammlung Berlin, 15. Dezember. (JTA.) Die wachsende Not unter der Berliner Judenheit stand im Mittelpunkt der Erörterungen der Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde, die am Sonntag mittag zum voraussichtlich letzten Male in ihrer jetzigen Zusammensetzung zusammengetreten ist. Nachdem Rechtsanwalt Dr. Klee die Sitzung mit Nachrufen auf Professor Schäfer und Frau Rabbiner Warschauer und mit Begrüßungen der Repräsentanten Rosenthal zu seiner silbernen Hochzeit und Studiendirektor Gutmann zu seinem 65. Geburtstag eröffnet und insbesondere die Persönlichkeit des Repräsentanten Hrn. Pincus gewürdigt hat, der seit 251 Jahren ununterbrochen der Repräsentantenversammlung angehört, übernahm Geheimrat Dr. J. Stern den Vorsitz, woraufhin die Versammlung einige Bewilligungen vornahm und die Beschlußfassung über andere vertagte. Hans Goslar begründete eine Reibe von Dringlichkeitsanträgen der Jüdischen Volkspartei, in welchen der Vorstand ersucht wurde, Bericht zu erstatten, welche Maßnahmen er eingeleitet bzw. durchgeführt hat, um den notleidenden Gemeindemitgliedern, insbesondere den Erwerbslosen und dem depossedierten Mittelstand, Hilfe für den Winter zu bringen. Im einzelnen wurde beantragt, die Schulaulen in den der Gemeinde gehörenden Schulen und mindestens einen Saal im Gebäude Fasanenstraße für den Westen während der Wintermonate von 6—10 Uhr abends in geheiztem Zustande für alle Gemeindemitglieder bzw. alle in Berlin lebenden Juden offen zu halten. Es soll nach Art der Toynbee-Hallen dort allabendlich ehrenamtlich von Damen unentgeltlich warmer Tee und Gebäck verabreicht werden. Unter Aktivierung ehrenamtlicher Kräfte aus allen Kreisen der Gemeinde soll für musikalische und Vorlragsdarbie- Iungen gesorgt werden. Dr. Fleischer (lib.) stelle den Antrag, leerstehende Gebäude für Woblfabrtszwecke nutzbar zu machen und mittels Feldküchen den Verarmten ein warmes Mittagessen durch freiwillige Fürsorger ins Haus zu senden. Redakteur Waldmann (Volksp.) wies daraufhin, daß unter der jetzigen Not die aus dem Osten eingewanderten Juden besonders stark leiden, und richtete an den Vorstand die Frage, was er angesichts der im Hinblick auf die Animosität, die sich im Wahlkampf gegen die Ostjuden kundgegeben hat, zu tun gedenkt, um nach dieser Richtung eine Klärung einlreten zu lassen. (Protest der Liberalen.) Wir gehen schweren Monaten entgegen, wir werden zur Einheit gezwungen werden. Der Vorsitzende des Gemeindevorstandes Direktor Kareski gab ein Bild von der Not unter den Juden Berlins und schilderte die Zermürbung der Beamten im zentralen Wohlfahrtsamt wie in den Bezirken, die angesichts der Größe der Not und der Beschränktheit der Mittel den Mut zur Weiterarbeit verlieren. Die zunehmende Erwerbslosigkeit werde durcli die folgenden Zahlen illustriert: Am 1. Oktober waren im jüdischen Arbeitsamt 5693, am 1. November 6044, am 1. Dezember 6198 Stellensuchende angemeldet. Die Gemeinde hat die Kohlenabgabe an Bedürftige erheblich gesteigert, sie erhält sieben Volksküchen und fünf Wärmesluben. Der Antrag, den Etat des Wohlfahrtsamtes um weitere 100 000 RM. zu erhöhen, stelle die Verwaltung vor eine schwere Probe, da sich — auch dies ist ein Zeichen -der wachsenden Wirtschaftsnot — die finanziellen Einnahmen der Gemeinde in der letzten Zeit erheblich verschlechtert haben. Die Gemeinde hat über 3000 Kinder und etwa 400 Erwachsene mit Kleidern versorgt. Sehr dringend ist jetzt der Schutz vor Exmissionen geworden, Hunderte jüdischer Familien traten an die Gemeinde mit der Bitte heran, ihnen beizustehen, damit sie vor dem Schlimmsten bewahrt und nicht auf die Straße gesetzt werden. In etwa 250 solcher Fälle muß eingeschrilten werden. Besonders dringend ist die Hilfe an bedürftige ausländische Juden, für welche die städtischen Wohlfahrtsbehörden nicht aufkonimen. Es ist eine Ehrenpflicht unserer Gemeinschaft, hier einzugreifen. Die Gemeinde begrüßt den Antrag, Abendheime einzurichten, damit auch der geistigen Not abgeholfen wird. Marcus (lib.) beantragt, einen besonderen Notslandsausschuß einzusetzen, dem Wohlfahrtsamt weitere 50 000 RM. und der Darlehenskasse weitere 20 000 RM. zu bewilligen. Dir. Gutmann und Heinrich Stern wenden sich gegen die Ausführungen Waldmanns. Gutmann versichert, daß seitens ernster liberaler Menschen niemals ein Unterschied zwischen in Deutschland und im Auslande geborenen Juden gemacht worden ist. Stern erklärt, die 80jährige Geschichte der liberalen Verwaltung der Gemeinde gebe Waldmann die Antwort. Seit jeher genossen die Ausländer in der Gemeinde Wahlrecht. Im Namen seiner Freunde gab , er die Erklärung ab, daß niemals Menschen, die im Ausland geboren sind, anders als die in Deutschland Geborenen behandelt werden würden.