Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1930-12-19 · 51/52 (19.12.1930) · p. Seite 730

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
17 (1930)
Issue
51/52 (19.12.1930)
Date
1930-12-19
Page
Seite 730 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9072829-9103085-9241542--11378-9223433
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

730 Das Jüdische Echo Nr. 51/52 wie jedes lebendige Volk es nicht will. Wir wollen, daß es in unserer Zukunft einen Keim gibt, aus dem sich jüdisches Wesen frei entwickelt und von dem wir hier, die wir unter europäischen Kulturen leben, einen Hauch verspüren. Palästina lieben können Zionisten wie Nichtzionisten und als das Weißbuch erschien, hat man keinen Unterschied zwischen ihnen fühlen können. Die politischen Schwierigkeiten haben uns nirgendwo geschadet. Alle Juden empfinden, wenn man an das Beste rührt, gibt es nur eins: Die Tat und die Tat des Menschen, der nicht nach Palästina gehen kann, ist sein Beitrag zum Keren Hajessod. (Beifall.) Herr Dr. Wilmersdörffer sprach darauf beiden Rednern nochmals den Dank der Versammlung aus und schloß die wohlgelungene Veranstaltung, von der nur zu hoffen bleibt, daß ihr finanzieller Erfolg dem moralischen entspricht. Im Netz der Weltpolitik Zur zionistischen Situation Durch die Inaugurierung des modernen politischen Zionismus ist das Schicksal des jüdischen Volkes in das lebendige Getriebe der Tagespolitik in einer Weise eingefügt worden, daß die Juden, wenn auch nicht unabhängig, so doch in einem gewissen Maße, aktive Mitspieler bei der Gestaltung ihres Volksschicksals geworden sind. In diesem Emporheben des jüdischen Volkes vom Objekt ihrer Geschichte zum handelnden Subjekt lag ein ungeheuerer moralischer Fortschritt und lagen Chancen vielfältigster Art. Allerdings ist überall da, wo Licht strahlt auch Schatten vorhanden. Und die neuen Chancen jüdischer Selbsthilfe sind von neuen Gefährdungen, die aus der Verflechtung der weltpolitischen Interessen erwachsen, begleitet. Diese neue Situation verlangt politisches Können. Die Juden haben jedoch, als Gesamtheit genommen, im Laufe ihrer langen Leidenszeit in der Zerstreuung die Kunst der Eigenpolitik eingebüßt, und der Prozeß der politischen Erziehung dauert naturgemäß lange. Gerade, die momentane Stiuation der zionistischen Politik ist ein vollgültiger Beweis, in wie starkem Maße die Palästinapolitik des jüdischen Volkes, der zentrale Ausdruk der jüdischen Wiedergeburts-Bewegung, in innigem Konnex mit den Ereignissen im gesamten Vorderen Orient und darüber hinaus mit der Entwicklung in der ganzen Welt steht. Die englische Oberhausdebatte über Palästina blieb ebenso resultatlos, wie die Verhandlungen im Unterhause. Man sprach wieder von den expropriierten Arabern, die nicht existieren, und von Milderungen der Palästinapolitik, die in keinem Vergleiche zu der Verschärfung stehen, welche die Lage der Juden durch das Weiß-Buch erfahren hat, von kleinen Verbesserungen, welche die absteigende Linie der Zionistenfreundlichkeit Englands nicht verhüllen können. Da die Wahl in Whitechapel trotz des fühlbaren Ausfalls der jüdischen Stimmen doch mit einem knappen Siege der Arbeiterpartei geendet hat, fällt jetzt auch dieses Stimulans weg, welches bisher die englische Regierung zu unklarer Mäßigung veranlaßt hat. Unterdessen wird von einer neuen Machtausdehnung des Wahabitenherrschers Ibn Sauds durch die Annexion Assirs berichtet. Dieser bedeutende Araberkönig, der mit England in Vertragsverhältnis steht, ist der eigentliche Gegenpol der zionistischen Bewegung. Mit dem Aufstieg dieses Führers des arabischen Nationalismus ist das Niedergleiten der Balfourpolitik augenfällig verbunden. Mit der Ausdehnung der Wahabitenherrschaft stand auch der Drusenaufstand in dem französischen Mandatsgebiete Syriens und des Libanon im Zusammenhänge. Ebenso dürfte die als bevorstehend gemeldete Ersetzung des Emir Abdallahs von Transjordanien durch einen Ibn Saud nahestehenden Fürsten auf die Gunst der englischen Regierung gegenüber den Wahabiten zurückzuführen sein. Es ist dieselbe Gunst, die England von den Zionisten entziehen will. Lord Balfour stützt seine Middle-East-Politik auf die Juden, auf ein von westlicher Kultur durchdrungenes Mittler-Volk, welches, wie kein anderes dazu geeignet war, westliche Zivilisation den halb nomadischen Stämmen zu bringen, welche die Einwohner des Mittlerens Ostens bilden. Seit der Krise in Indien, wo England die Stimmen der Mohammedaner dringend braucht, und. dem Aufstieg Ibn Sauds, dem es gelungen ist, einen Teil der arabischen Stämme unter seiner Herrschaft zu vereinigen, scheint Lord Paßfields Kolonialamt eine andere Taktik zu befolgen. Er stützt seine dortige Politik nicht auf die hochdisziplinierten Juden in Palästina, deren aufstrebende Kolonisation günstige Zukunftsaussichten für eine nationale Konsolidierung des jüdischen Volkes bietet, sondern auf die Araber, bloß weil die Lösung die momentan bequemere ist. Eine solche kurzfristige Verlegenheitspolitik muß zu einer Schwächung des englischen Einflusses in ganz Asien führen. Natürlich wird eine derartige Einstellung der englischen Regierung keineswegs günstig auf die Entwicklung der französischen Mandatsgebiete wirken, da ja England nur einem Teile der Araber gegenübersteht, während der andere Teil derselben unter französischem Mandat steht. Während sich die Kolonialpolitik Englands in Asien immer mehr kompliziert, ergibt sich trotzdem für den Zionismus eine günstige Prognose. England wird bald auf unangenehme Weise erfahren, daß Vorderasien in dem Umbildungsprozesse, in dem es sich jetzt befindet, die Juden braucht, weil sie das einzige Volk asiatischer Herkunft und europäischer Zivilisation sind, welches als westlicher Exponent im Osten in Betracht kommt. Dies gilt im besonderen von Palästina und Transjordanien, wo allein sich die Juden als frühere Bewohner des Landes dem politischen Komplexe Asiens wieder einfügen. Der Zionismus ist wie jede andere Bewegung eines Volkes keine zufällige, sondern beruht auf einer historischen Notwendigkeit, der gegenüber sich alle politischen Regelungen auf die Dauer als machtlos erweisen. Hierfür bietet die Geschichte hinreichend Analogien. Der zionistische Gedanke ist so alt wie die Diaspora der Juden, aber das Bewußtsein der Notwendigkeit des Zionismus, der Notwendigkeit des eigenen staatlichen Lebens war in den meisten Juden nicht vorhanden. Erst bei den schweren Rückschlägen, die der Zionismus in den letzten Jahren erfahren hat, zeigt sich deutlich eine Regeneration des politischen Instinktes, ein Wiedererwachen des Sinnes für die bittere Volknotwendigkeit des Zionismus bei den Juden, dessen Mangel die Entwicklung des Zionismus bisher beeinträchtigt hat. Zu den Verhandlungen zwischen der englischen Regierung und der Jewish Agency London, 12. Dezember. (JTA.) „Jewish Times“ und „Jewish Chronicle“ geben übereinstimmend ihre Anschauung, daß der Fortgang der Verhandlungen zwischen Jewish Agency und engli-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.