Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 51/52 (19.12.1930)
- Date
- 1930-12-19
- Page
- Seite 729 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 51/52 Das Jüdische Echo 729 schüttert werden kann und was diese Zahl wirklich für Palästina bedeutet, sieht man erst daraus, daß die Juden 20 Prozent der Bevölkerung, aber 50 Prozent aller Schulkinder stellen und 40 Prozent der gesamten Steuern und Zölle bezahlen. Es ist darum auch verständlich, daß gewisse arabischen Kreise das Gefühl haben, daß die Juden sie in kurzer Zeit überlaufen, wenn sie sich nicht wehren; aber ihre unfreundliche Haltung kann uns nichts mehr anhaben. Es ist heute eine andere Situation als 1914 oder 1918. Von den damals im Lande lebenden 90 000 Juden gehörten etwa 30 000 dem alten Jischuw an und lebten völlig unproduktiv von den Spenden der Chalukkah. Die produktiven Elemente haben sich seitdem verdreifacht und nur noch ein ganz kleiner Teil lebt heute von Spenden, der noch dazu immer weiter zurückgeht; die öffentliche Meinung ist eben auf Arbeit abgestellt. Wenn wir heute nur vom Keren Hajessod sprechen wollten, könnten wir unsere Unterhaltung damit schließen. Möglichkeiten, unser Geld zu investieren und aus den 170 000 Juden eine Million zu machen, sind ungehindert gegeben, wenn wir das Weißbuch von hinten lesen, nicht das, was es tadelt, sondern das was es unausgesprochen läßt. Wir können zunächst zufrieden sein, wenn wir 300 000 Juden in Palästina haben werden und von dieser Basis aus lassen sich dann neue Mittel und Wege finden, und sie dürfen ruhig mit dem Bewußtsein für den Keren Hajessod geben, daß in dem bisherigen Tempo weitergearbeitet werden und eine viel größere Siedlung entstehen wird. Gewiß, politische Hindernisse sind entstanden, aber in dieser Situation sind Keren Hajessod und Keren Kajemeth noch viel wichtiger als bisher, weil durch sie neue ökonomische Tatsachen geschaffen werden, die dann politisch für uns wirksam werden. Über die politischen Hindernisse und Schwierigkeiten kann man sich kaum wundern, wenn man die uns feindliche Einstellung der englischen Bürokratie berücksichtigt, die daraus zu erklären ist, daß die englischen Beamten mit den vielfachen neuartigen Problemen nicht fertig werden, die Juden nicht verstehen und lieber nur mit „Eingeborenen“ zu tun haben, weil das viel einfacher und bequemer ist. Trotzdem muß es uns stutzig machen, wenn sich Paßfield, ein Gelehrter von europäischem Ruf, von diesem Beamtentum seine Politik vorzeichnen läßt. Das ist sicher zum großen Teil auf andere Schwierigkeiten im englischen Kolonialreich, in Indien, etwa zurückzuführen. Aber darin zeigt sich wieder, daß man uns nicht versteht, die jüdischen Dinge passen sich in die gewohnten Begriffe nicht ein, wie schon Moses Mendelson deutlich gefühlt hat. Es ist also keine Frage, daß wir in den nächsten Jahren politisch schwere Zeiten haben werden. Allmählich entsteht unter den Arabern eine dünne Schicht mit europäischen Kulturelementen, die versucht, sich zu Führern aufzuwerfen. Diese Leute sind gegen uns — und es sieht heute so aus, als ob es ihnen gelingt, — so wie etwa vor hundert Jahren im Ghetto der eine Arzt mit europäischer Bildung, den es dort gegeben hat, unbestrittene Autorität besaß — die Führung zu bekommen und zu behalten. Es wird sich aber bald zeigen, wie ebenfalls vor hundert Jahren im Ghetto, daß dies nicht stimmt, sobald der Kreis der europäisch Gebildeten sich vergrößert und sich naturnotwendig tiefgehende Differenzierungen zeigen. Solche Differenzierungen werden sich auch in Palästina zwischen Fellachen, städtischen Arabern und Großgrundbesitzern zeigen, wie sie sich auch schon im letzten Jahre bei dem mißlungenen Versuch, den Boykott gegen die Juden durchzuführen, bemerkbar gemacht haben. Es gibt noch andere Schwierigkeiten im Lande. Eine davon ist z. B., daß wir — romantisch ausgedrückt, noch keine Aristokratie haben, noch keine Familien, die die allgemeinen Voraussetzungen dafür bieten würden, mit den Beamten zu verkehren, Anwärter für die Beamtenschaft zu stellen, kein alteingesessenes Element, wir sind nur Zugezogene; die Araber dagegen sind alteingesessen. Sie sind romantisch, ihre Sitten, ihre Trachten sind viel schöner und sie finden eben deshalb eher Beziehungen zu der englischen Beamtenschaft. Diese anscheinenden Kleinigkeiten spielen im ganzen eine recht große Rolle. Noch ein paar Worte zu unserem Verhalten außerhalb Palästinas; mein Vorredner hat diese Fragen ja bereits berührt. Es fällt ihm noch schwer, das Wort „Galuth“ auszusprechen, weil er den Begriff nicht liebt. Ich verstehe das sehr gut. Abgesehen von der orthodoxen Schicht waren auch wir nicht befreundet mit dem Wort. Es klang uns zu mittelalterlich. Wir haben aber Unterricht bekommen und wieder gelernt, daß die Weisheit unserer Vorfahren gar nicht so schlecht war, daß sie die Welt ganz richtig gesehen haben. Dieses Wort hat seine Bedeutung nicht nur gehabt, es hat sie noch. Wir erleben heute wieder, was unsere Großväter nach den napoleonischen Kriegen erlebt haben. Vom Standpunkt des deutschen Volkes in seiner Gesamtheit gesehen ist damals das deutsche Nationalgefühl entstanden, das schließlich auch das deutsche Reich geschaffen hat. Diese Zeit war aber gleichzeitig auch die Zeit eines ungeheuren Antisemitismus, obwohl man die Ghetti geöffnet hatte. Tausende von Juden sind damals zur Auswanderung aus Bayern gezwungen worden, so schwer hat man ihnen das Leben gemacht. Wir können aber gerecht genug sein, einzuräumen, daß es im Leben jeden Volks Momente gibt, wo es sich gegen Menschen abgrenzt, die irgendwelche Besonderheiten zeigen und wir wissen, daß dies auch in Zukunft so sein wird. In einer solchen Zeit muß eine Gemeinschaft wie unsere an einem Ideal hängen, wenn sie aus der Not des Tages ihre Seele retten will. So haben sich religiöse Gedanken entwickelt; aber jede Zeit schafft sich diesen Ausweg von neuem. Unsere Zeit sieht das Ideal vor sich in verschiedenen Formen und der Name „national“ ist gar nicht so passend. Wir nennen es nur so, weil wir kein anderes Wort haben, das nicht unter den Begriff des Religiösen fällt. Dieses nationale Ideal für uns Juden ist der Aufbau Palästinas. Es gilt irgendwo in der Welt etwas zu schaffen, vor dem jeder Mensch Respekt haben muß, was man nur als unsere Leistung bezeichnen kann, was wirklich auf unsere Rechnung geht, zum Guten und zum Schlechten. Viele Hunderttausende empfinden deutlich oder undeutlich, daß mit diesem Werk die Ehre des Juden verbunden ist. Vielleicht ist es ein Irrtum, zu glauben, daß von dem palästinensischen Judentum die jüdische Renaissance ausgehen wird. In solchen großen Dingen muß man sich entscheiden, man muß ein Gefühl haben, ist es ein Weg oder nicht. Gehen sie durch die jüdische Welt und sie finden Hunderttausende, die sagen, das ist der Weg, den müssen wir gehen. Niemand zeigt einen anderen, bei dem unsere Enkel noch Juden sein können, alle anderen führen aus dem Judentum hinaus. Wir wollen das nicht,