Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 51/52 (19.12.1930)
- Date
- 1930-12-19
- Page
- Seite 728 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/9072829-9103085-9241542--11376-9223431- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
728 Das Jüdische Echo Nr. 51/52 davon aus, daß diese Leistung zurückwirken wird auf uns, die wir nicht in der Weise mit dem Werk verbunden sind, daß wir davon überzeugt wären, nur dort leben zu können. Aber wir sind davon überzeugt, daß dieses Werk, das uns staatspolitisch niemals schaden kann, uns menschlich stärken wird. Das ist die Bereitschaft, die der Nichtzionist Ihnen heute erklären kann, die Bereitschaft zur Mitwirkung an einer heutigen Arbeit. Aber wer diese in der Gegenwart leistet, muß auch an die Zukunft denken. Und da kann man nur sagen, daß es ein Versuch ist, der nicht gelingen wird* wenn die wenigen, die heute nur Vorposten sind, nicht die Kraft besitzen, die anderen nach sich zu ziehen. Es muß sich herumsprechen, daß die Führer, die im vordersten Wagen des Zuges sitzen, sich verständigt haben. Wenn das der Fall ist, so wird sich auch zeigen, daß über die gegenwärtigen Parteien hinaus eine Zusammenarbeit möglich ist und sie muß auch möglich sein für die Emanzipation in deutschen und in anderen Ländern, wie für den Aufbau in Palästina. (Beifall.) Hierauf ergriff das Wort Herr Dr. Arthur Hantke (Jerusalem) zu folgenden Ausführungen: Das Weißbuch der englischen Regierung hat die jüdische Öffentlichkeit in eine hochgradige Erregung versetzt und das Interesse an den politischen Palästina betreffenden Fragen ist allgemein. Ich will diesem Interesse nicht aus dem Wege gehen, möchte aber doch zunächst einmal die durch das Weißbuch geschaffenen Tatsachen betrachten und untersuchen, was diese für unsere praktische Arbeit in Palästina bedeuten. Dieses Weißbuch bringt einen einzigen positiven Vorschlag und zwar soll eine Art gesetzgebender Körperschaft eingeführt werden, die sich zum größeren Teil aus Vertretern der Regierung,, zum kleineren aus Vertretern der Bevölkerung zusammensetzt und die an der Verwaltung des Landes teilnehmen soll, die sich heute ausschließlich in den Händen der englischen Behörden befindet. Wir Juden sind dagegen, weil wir überzeugt sind, daß der Moment noch zu früh ist, um die zwei heute noch so getrennten Völker an einen Tisch zu setzen und weil dieser Council in der vorgeschlagenen Zusammensetzung nicht dem entspricht, was heute in Palästina ist und nicht für volle Gleichberechtigung sorgt. Wir sind weiterhin dagegen, weil auch nach englischer Auffassung der Bevölkerung noch nicht die Entscheidung gegeben werden kann, die Majorität liegt ja bei den Beamten und es nicht einmal der Versuch einer demokratischen Einrichtung. Weiter enthält das Weißbuch nur zwei Anregungen. Es meint, daß wir Juden schon so viel Land gekauft hätten, daß es für die Araber von Nachteil sein könnte und es meint, daß die Imnation zu schnell gegangen ist. Setzen wir einmal voraus, daß Bestimmungen auf Grund dieses Weißbuches in Kraft treten würden. Für diesen Fall ist wichtig, daß die Juden in Palästina schon so viel Land besitzen, daß sie noch eine ganze Reihe von Jahren damit ausfüllen können,, dieses Land zu kolonisieren und sie könnten beruhigt eine Pause im Landkauf eintreten lassen. Ja, gegenwärtig haben wir gar nicht die Mittel, nur das Land zu besiedeln, das uns heute gehört. Inzwischen hat aber die englische Regierung bereits die Grundsätze des Weißbuches aufgegeben; es sollen nämlich nur solche Käufe verhindert werden, bei denen arabische Pächter des Landes beraubt und zu landlosen Proletariern gemacht würden. Das ist aber bisher fast nirgends geschehen.. Wir werden auch in Zukunft die Pächter entschädigen und trotzdem so viel Land kaufen können, als wir brauchen. Seitdem das Weißbuch veröffentlicht wurde, ist der Preis für landwirtschaftlichen Boden stark gefallen, da die Großgrundbesitzer Angst haben, daß die Juden keinen Boden mehr kaufen dürften und sie sind ja geradezu darauf angewiesen, daß ihnen die Juden den Teil ihres Bodens abkaufen, den sie selbst mit Nutzen nicht verwerten können. Der Redner erläuterte dies an mehreren praktischen Beispielen und fährt fort: Mit den tatsächlichen Verhältnissen haben die Feststellungen des Weißbuches nichts zutun; sie stammen eben von einem Mann, der sich von Agitatoren beeinflussen ließ, weil er nicht Zeit hatte, das Land selbst richtig zu studieren. In der Frage der Einwanderung ist seitens der englischen Regierung bereits eine Einschränkung des Weißbuchs erfolgt,, indem sie 1500 Zertifikate für Mittellose freigegeben hat; die übrigen Kategorien können ja ohnehin auch nach dem Weißbuch einwandern wie früher. Nun ist wichtig zu wissen, daß schon heute arabische Kreise vorhanden sind, die durchaus einsehen, daß nicht nur die jüdische Entwicklung, sondern auch die des Landes und damit auch ihre eigene von der jüdischen Einwanderung abhängt. Was bedeutet diese jüdische Einwanderung nach Palästina eigentlich? Es ist die Einwanderung eines zivilisierten Elements in ein seit Jahrhunderten zurückgebliebenes Land, auf Grund deren eine rasche Entwicklung eintreten muß, unter der aber auch gewisse Kategorien der Einwohner leiden. Dabei’ darf man freilich nicht an die Einwanderung der Europäer nach Amerika und ihre unmittelbaren Folgen denken. Es gibt auch eine andere Einwanderung, an die man sich heute nur nicht gerne erinnert. Etwa die der vertriebenen Hugenotten und der vertriebenen Salzburger Protestanten nach Preußen. Es gab doch einmal eine Zeit, wo jeder siebente Mensch in Berlin ein Franzose war und die preußischen Könige und Deutschland sind dabei nicht schlecht gefahren. Auch unsere Geschichte im frühen Mittelalter kann unter diesem Gesichtspunkt betrachtet werden. Und so ist der heutige Zustand in Palästina. Sogar heute, in Zeiten politischer Spannung., werden jüdische Arbeiter von arabischen Arbeitgebern beschäftigt, weil es Dinge gibt, die nur die Juden können und so gibt es manche andere Ansätze zu einem ökonomischen Zusammengehen. Die Juden sind in Landwirtschaft, Handwerk und Industrie Vorbild und Lehimeister der Araber. Am deutlichsten sieht man das an kleinen Dingen, so wenn z. B. Schabbath für Schabbath Scharen von Arabern nach Tel-Awiw kommen und diese Stadt bestaunen. Letzten Endes entscheiden auch in Palästina die ökonomischen Tatsachen und diese sprechen hundertprozentig zu unseren Gunsten. Das jüdische Leben in Palästina ist eine Tatsache, die sich jeder Beeinflussung durch die judenfeindliche englische Verwaltung entzieht. 170 000 ist keine große Zahl für Europa, aber man soll nicht vergessen, daß Deutschland vor 110 Jahren nur 16 Millionen und das England des 17. Jahrhunderts nur 5 Millionen Einwohner hatte. Die ungeheuere Menschenzusammenballung in Europa ist allerneuesten Datums. Die berühmtesten deutschen Städte des Mittelalters hatten 20 bis 30 höchstens 40 000 Einwohner. In einer Gesamtzahl von 800 000 stellen 170 000 einen außerordentlichen starken Faktor dar, der von außen nicht mehr er-