Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 50 (12.12.1930)
- Date
- 1930-12-12
- Page
- Seite 714 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9072829-9103085-9241541--11361-9223417- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
714 Das Jüdische Echo Nr. 50 Waad Leumi über die Verhandlungen zwischen Regierung und Jewish Ägency Jerusalem, 3. Dezember. (JTA.) Der Waad Leumi hat in einer achtstündigen Sitzung unter dem Vorsitz von Pinchas Ruthenberg über die politische Situation beraten und insbesondere zu den Verhandlungen zwischen Regierung und Jewish Agency Stellung genommen. Colonel Kisch erstattete einen Bericht über die politischen Vorfälle in London im Laufe des verflossenen Monats. Er erklärte im Verlauf der Verhandlungen der Regierung mit der Jewish Agency zum Zwecke der Erzielung eines Übereinkommens, sei die Politik des Weißbuches nicht diskutiert worden. Die Nachricht, daß Felix M. Warburg dafür eingetreten sei, daß das Weißbuch zur, Grundlage der Verhandlungen gemacht werde, sei unrichtig. Die Tatsache scheint paradox, daß Weizmanns politische Führung niemals so kraftvoll gewesen sei wie in der Zeit seit seiner Demission. Die Veröffentlichung des Kommuniques MacDonald über die Einberufung der Verständigungskonferenz sei hauptsächlich auf den Eindruck der Kritik des Weißbuches durch Lord Hailsham und Sir John Simon zurückzuführen. Die Jewish Agency habe im Verlaufe der Verhandlungen eingesehen, daß die Regierung nicht in der Lage sei, ihr Dokument zurückzuziehen, versuche aber trotzdem die Regierung von der Unvereinbarkeit der Bestimmungen des Weißbuchs mit dem Mandat zu überzeugen. Eine Voraussage darüber, ob eine Verständigung erreicht werden wird, wäre verfrüht. Colonel Kisch sprach Lloyd George und dem ehemaligen Kolonienminister Amery für ihre Reden in der Palästinadebatte, durch die die Regierung und einflußreiche Unterhausmitglieder aller Parteien in zionistenfreundlichem Sinne beeinflußt wurden, den Dank des Waad Leumi aus. Er hob ferner den starken Eindruck der Rede Sir Herbert Samuels hervor und erwähnte die bemerkenswerte Anregung von Sir Walter Elliot, die Verwaltung Palästinas der Kontrolle des Kolonialamtes zu entziehen und dem Außenministerium zu unterstellen. Kisch richtete an den Waad Leumi den Appell, sich geschlossen hinter Weizmann zu stellen, wie es dessen alter Gegner, Julian W. Mack gefordert habe. Schließlich erklärte Kisch, es sei kein Grund vorhanden, die Kooperation mit England nicht weiter fortzusetzen. Wenn England erkläre, es wolle die Rechte und Interessen der Araber gegenüber den Juden schützen, so müsse darauf hingewiesen werden, daß auch die Juden mit ihrem Aufbauwerk keinerlei Ungerechtigkeit gegen irgend jemand verbinden wollen. Über die Tagung des Aktionskomitees berichteten Dizengoff, Remez und Professor Mossinson. Da die erwartete Antwort der Regierung auf die Ausführungen Weizmanns in der Verständigungskonferenz bis zum Schlüsse der Sitzung nicht eingetroffen war, wurde einstimmig beschlossen, daß der Präsident des Waad Leumi, Pinchas Ruthenberg, sich nach London begeben solle, um sobald als möglich an den Verhandlungen der Jewish Agency und der englischen Regierung teilzunehmen. Ruthenberg zeigte sich nur mit Widerstreben und unter der Voraussetzung, daß die Antwort der Regierung günstig ausfällt und die amerikanischen Delegierten, Professor Frankfurter und Flexner, ebenfalls nach London kommen, hierzu bereit. Die, Stellungnahme der Mitglieder des Waad Leumi zur Verständigungskonferenz war geteilt. Während die allgemeinen Zionisten, der Misrachi und die Vertreter der Kolonisten sich gegen Verhandlungen aussprachen, solange das Weißbuch in Kraft sei, setzten sich die Vertreter der Arbeiterpartei nachdrücklich für die Entsendung Ruthenbergs ein. Nach der Erklärung Ruthenbergs, daß er bereit sei, nach London zu fahren, verließen die Vertreter der Revisionisten demonstrativ die Sitzung. Die Vertreter des Waad Leumi nehmen an den Verhandlungen zwischen Regierung und Jewish Agency nicht weiter teil Jerusalem, 3. Dezember. (JTA.) Im Hinblick auf die Verzögerung der Abreise seines Vorsitzenden Pinchas Ruthenberg nach London hat der Waad Leumi vor einiger Zeit die in London weilenden palästinensischen Arbeiterführer Dr. Chaim Arlosoroff und Berl Katzenelson provisiorisch mit der Wahrung seiner Interessen bei den Verhandlungen zwischen Regierung und Jewish Agency betraut. Nunmehr hat Ruthenberg die Vertreter des Waad Leumi angewiesen, an den Verhandlungen nicht weiter teilzunehmen. Das Nationalheim in Palästina eine bittere Notwendigkeit für die Juden Eine Botschaft Einsteins an die Zionisten Amerikas An Bord der Belgenland, 7. Dezember. (JTA.) Professor Albert Einstein, der sich augenblicklich auf der Überfahrt nach Amerika befindet, richtet nachstehende Botschaft an die Zionistische Organisation Amerikas: Ich kann es nicht verhehlen, daß auch ich durch die Haltung der britischen Regierung und der englischen Bürokratie in der Frage des Aufbaus des Jüdischen Nationalheims enttäuscht worden bin. Diese Enttäuschung aber wird bei weitem wettgemacht durch den Eindruck der Zuversicht und Solidarität der Juden, die zeigen, daß sie durch unzerstörbare Bande der Treue mit der Idee des Aufbaus Palästinas verknüpft sind. Die heute herrschende Weltkrise, von der alle Völker erfaßt wurden, macht das jüdische Problem von neuem akut. Wir Juden sind überall Feindseligkeit und Benachteiligung ausgesetzt, und in den meisten europäischen Ländern finden die Tendenzen des Nationalismus und eines anmaßenden Rassenstolzes ihren Ausdruck in einem agressiven Antisemitismus. In einer solchen Zeit müssen die Juden die gegen sie gerichteten Angriffe mit einer Stärkung ihres Sinnes für Selbstbewährung und Solidarität beantworten. Noch wichtiger als das ist aber die Beteiligung an dem gemeinsamen Werke des Aufbaus eines jüdischen Nationalheims in Palästina. Der Wert dieses Werkes wird durch die Schwierigkeiten und Hindernisse, die sich ihm in den Weg stellen, nur erhöht. Denn in der Überwindung dieser Schwierigkeiten finden der Idealismus und die besten schöpferischen Fähigkeiten des jüdischen Volkes eine Gelegenheit, sich zu bewähren und zu erhalten. Palästina ist ein unentwickeltes Land. Jüdische Tatkraft, jüdische Arbeit und jüdisches Kapital werden es zu einem Vorposten der Zivilisation im nahen Osten ausgestalten. Palästina bietet dank dem mit den modernsten Methoden durchgeführten Aufbauwerk Raum für Araber und Juden, die in ihrem eigenen Land friedlich Zusammenleben können. Ich glaube, daß die Rückschläge des verflossenen Jahres die Erkenntnis stärken werden, daß wir uns ernsthaft mit der Verbesserung der Lage des geduldig arbeitenden arabischen Volkes