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Das jüdische Echo · 1930-12-05 · 49 (5.12.1930) · p. Seite 703

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
17 (1930)
Issue
49 (5.12.1930)
Date
1930-12-05
Page
Seite 703 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 49 Das Jüdische Echo 703 Barbara oder die Frömmigkeit. Roman von Franz Werfel. Paul Zsolnay, Verlag, Berlin-Wien. Franz Werfel hat offenbar das Bedürfnis, sich mit religiösen Gegenständen immer wieder auseinanderzusetzen — daß er das von einem jüdischen Lebensgefühl aus tut, kann man mit dem besten Willen nicht behaupten. Sein Roman der Frömmigkeit ist die Geschichte eines Österreichers, Ferdinand von K., der infolge unleidlicher Eheverhältnisse seiner Eltern aus der ihm anscheinend vorgeschriebenen Laufbahn gedrängt, durch mannigfachste Leidensstationen seine Entwicklung nimmt, im Kadettenhaus, im Priesterseminar, als Student, als Soldat, Offizier im Weltkrieg, während der Revolution und Inflation Unerträgliches erduldet, mit Menschen aller Art und jeden Schlages zusammenkommt und bei alledem, ohne dies recht zu wissen, in einem inneren unauflöslichen Kontakt mit Barbara, seinem früheren Kinderfräulein steht, die wahrhaft Mutterstelle an ihm vertreten hat. In ihrer Gestalt sieht Werfel am reinsten verkörpert, was er unter Frömmigkeit, unter religiösem Gefühl begreift. Es ist eine elementare Frömmigkeit, keine abgeleitete, eine bäuerischunkomplizierte, keine reflektierende, eine tuende, keine betrachtende — eine Frömmigkeit, wie sie etwa auch in chassidischen Legenden verherrlicht wird und die nur den Fehler hat, daß sie dem modernen Menschen zwar bekannt, aber unerreichbar ist. Die moderne Frömmigkeit, psychologisierend unsicher, krampfhaft und lebensfern, wird an einem Juden, Arthur Engländer gezeigt, der sich, obwohl er die Überlegenheit der Evangelien und der katholischen Religion erkannt zu haben vermeint, zwar nicht taufen läßt, aber als „Bischof aller Juden“ den gleichzeitigen Übertritt aller Juden zum Katholizismus anstrebt. Man interniert ihn im Irrenhaus, diesen Alfred Engländer, aber es kann kein Zweifel daran bestehen, daß gerade seine Idee an Werfels Auffassungen von jüdischen und christlichen Dingen enthalten und mit einigem Bedauern konstatiert man, daß Werfel gedanklich endgültig dem Judentum Valet gesagt zu haben scheint, wenn er sich auch nicht gerade hat taufen lassen. Es ist ein unförmiger, verwirrter und kunterbunter Roman, den Werfel erzählt; man merkt ihm das Bestreben und den Ehrgeiz zu sehr an, nichts von den sozialen Erscheinungen der Vor- und Nachkriegszeit unbehandelt gelassen zu haben, als daß es nicht verstimmend wirken müßte: im besonderen sind die das Kriegserlebnis behandelnden Abschnitte so nachempfunden, daß gerade sie die entscheidenden Erlebnisse nicht glaubhaft machen können; auch stilistisch ist das Buch allzu breit geraten und auch wieder im Aufbau allzu schematisch und künstlich: alles in allem ein groß angelegter Versuch eines sozialen Gemäldes der Gegenwart mit besonderer Hervorhebung des religiösen Zustandes, dem der letzte Erfolg versagt bleiben mußte — weil der Autor nicht ursprünglich ein Erzähler ist und weil die Einheitlichkeit des Lebensgefühls, die er preist, ihm selbst in starkem Maße fehlt. I. E. (Der Roman erscheint soeben im 50.-65. Tausend.) Das britische Weltreich, von Dr. Hermann Lufft. Verlag Bibliographisches Institut A.-G., Leipzig. In der vom Bibliographischen Institut herausgegebenen Sammlung „2 Provinzen der Weltwirtschaft und Weltpolitik“ erschien „Das britische Weltreich“ von Dr. Hermann Lufft, das mit einer bunten Weltkarte und 14 schwarzen Karten, 146 Abbildungen und Diagrammen auf 626 Seiten eine grundlegende Darstellung aller britischen Zonen in ihrer Einheit und Mannigfaltigkeit gibt und den Aufbau des britischen Weltreichs und seine vielfachen wirtschaftlichen Beziehungen grundlegend und umfassend darstellt. Nach der Charakterisierung seiner erdumspannenden Organisation und der strategischen Verteidigungslinien folgt eine genaue Würdigung der einzelnen Zonen: ihrer weltwirtschaftlichen Bedeutung, ihrer charakteristischen Produktion, ihrer verkehrswirtschaftlichen Gliederung, ihrer allgemein-politischen und kulturellen Verhältnisse. In einem abschließenden Teil wird dargestellt, in welcher Weise die starke Vereinheitlichung und organisatorisch politische Zusammenfassung dieses „Weltreichs“ gesucht und erreicht wurde. Im Rahmen dieses vorzüglichen Werkes ist auch Palästina auf 16 Seiten behandelt. Man darf sagen, daß Lufft alles Wesentliche des Problemkomplexes Palästina ausgezeichnet erfaßt und dargestellt hat und daß er wirtschaftlich, wenn politisch auch nicht ganz der Wirklichkeit gerecht wird. Lufft erwartet eine beträchtliche Ausweitung der jüdischen Kolonisation, wenn nicht sofort, so doch im Laufe der nächsten zehn oder zwanzig Jahre. Allerdings glaubt er nicht, daß der Schwerpunkt der palästinensischen Produktion allzusehr in die Ausfuhrproduktionen hineinverlegt werden könnte. Palästina werde niemals etwa zu einem Obstplantagenlande wie gewisse Gegenden Kaliforniens, gerade seine Getreideproduktion müsse in der nächsten Zeit verstärkt werden. Im ganzen hält er die wirtschaftlichen Aussichten Palästinas für sehr günstig, ohne daß Gefahr besteht, „daß sie ins Phantastische und Romantische ausartet“. Der Gegensatz zwischen Juden und Arabern sei noch nicht gelöst, werde aber wohl durch das sich zugunsten des jüdischen Bevölkerungsteils verschiebende Kräfteverhältnis durch natürliche Bevölkerungszunahme und durch verschiedene Reichtumszunahme entschieden. Unter den gegebenen Verhältnissen betrachtet Lufft Englands Politik des „divide et impera“ als das Beste auch für die beiden Parteien selbst, die sich nun einmal in Palästina auf Gedeih und Verderb vertragen müßten, die Ansiedlung des Judentums in Palästina hält er für einen genialen Schachzug der englischen Politik. (Eine merkwürdige Auffassung, die allerdings grundsätzlich davon ausgeht, daß den Juden die Weiterarbeit niemals unmöglich gemacht werde und also eine gegnerische Einstellung, wie sich das neue Weißbuch charakterisiert — das Buch wurde schon vorher veröffentlicht — als eine große Torheit auch vom englischen Standpunkt aus betrachtet.) Lufft darf wohl einer der besten Kenner des britischen Weltreichs genannt werden. Seine Ansichten über Palästina sowohl wie überhaupt über alle englischen Probleme sind die eines objektiv unterrichteten. Außenstehenden und man sollte daher nicht versäumen, sich mit seinem Werk eingehend zu beschäftigen — das der Verlag in jeder Weise hervorragend ausgestattet hat. -E. Edna Ferber: „Das ist Fanny“. Gebr. Enoch Verlag, Hamburg. Dieser flott und spannend geschriebene Roman führt uns, zunächst in eine amerikanische Kleinstadt mit ihren charakterischen Typen unter Jugend und Erwachsenen. In dieser kleinen Welt lebt die zeitig verwitwete, mit besonderer Liebe gezeichnete Mutter der Heldin ein arbeitsreiches, aufopferndes jüdisches Familienleben, das fast dem in einer schlesischen oder posenschen Kreisstadt der guten alten Zeit gleicht. Aus diesem Kleinstadt-Idyll wächst neben dem künstlerisch veran-

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