Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 49 (5.12.1930)
- Date
- 1930-12-05
- Page
- Seite 702 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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702 Das Jüdische Echo Nr. 49 Du warst rasiert, sauber geschoren, deinen Kaftan hattest du in die Nesseln geworfen, dein Hals fühlte sich in seinem Schillerkragen wohl, und so spaziertest du stolz durch das gemeine Pack hindurch. Leugne nicht. Ich habe dich gesehen. Hinter einer Fahne zogst du wie der Kapitän einer Fußballmannschaft einher und hieltest dich aufrecht wie ein erprobter Feuerwehrmann! Wenn man so lange Mitleid eingeflößt hat, ist die Versuchung groß, nun Respekt einflößen zu wollen. Während man sich aber häutet, mein Freund, stellt man sich nicht auf seinen Balkon: man holt sich sonst schwere Krankheiten. Du aber standest an das Geländer gelehnt und riefst jedem, der vorüberkam, deine Geheimnisse zu. Du warst ein Befehlshaber, der seine Feldzugspläne ins feindliche Lager schickt. In diesem Jahr wolltest du eine Million Pfund mehr als im vorigen sammeln und den Berg Karmel kaufen! „Hört, ihr Araber,“ sagtest du, „ihr wollt wissen, was mein Ziel ist? Nun denn: ich will hier eine jüdische Mehrheit schaffen! Wißt ihr, was ich in diesem Sommer in Zürich mache? Ich sichere mir nicht mehr und nicht weniger als ganz Palästina. Die Jewish Agency, meine lieben Araber, die der Kongreß soeben geschaffen hat, wird mir gestatten, alle in ihren Ländern ansäßigen Juden für den Kauf des schönen Landes zu interessieren. In zehn Jahren wird es mein sein. In zwanzig Jahren werde ich fünfhunderttausend meiner kleinen Brüder zu mir ins Land gebracht haben. Der weißhaarige Lord, den man den Langarmigen nennt, wird mir die Rechte gewähren, die Kanada und Australien besitzen. Ich werde das sechste Dominion sein! Achtung! Musik!“ Und dann ließest du die Hatikwah spielen! Was tat dein Nachbar, der liebe Araber? Zuerst schaute er sich um. Sieh da, der Lord mit dem langen Arm hatte den Schauplatz verlassen. Dann begann er, zu zählen. Ihr wart noch nicht Fünfhunderttausend, also konnte man handeln. Er schlich sich auf Zehenspitzen heran, und während du zu deinem eigenen Ruhm sangst, versetzte er dir mit seinem Knüttel einen tüchtigen Hieb ins Genick. Ewiger Jude, wie geht es dir jetzt? Na, es geht ihm nicht allzu schlecht. Man hätte glauben können, ihn nach dem Aderlaß in einer übleren Verfassung zu finden. Er ist wohl etwas bleicher, seine Stimme etwas weniger fest, seine Bewegungen etwas unsicherer, aber ins Bett hat er sich nicht gelegt. Und vor allem — und das ist das neue und sensationelle Ereignis im Leben des Ewigen Juden — er hat sich nicht einen Augenblick geduckt! Um diese Zeit und nach all diesen Vorgängen befand ich mich eines Tages am Strande von Tel- Awiw. Es war Rosch-Haschanah der erste Tag des jüdischen Jahres. Juden standen am Ufer entlang und benahmen sich sehr merkwürdig: es war, als ob sie mit ihren Händen ihre Brust durchwühlten und etwas Widerstrebendes herausreißen wollten. Endlich schwangen sie' ihre Arme in der Richtung auf das Mittelmeer zu — sie schleuderten ihre Sünden ins Meer! So ist es gut, sagte ich mir; endlich haben sie verstanden. Wenn sie nur nicht vergessen, auch das, was sie an Stolz zu viel haben, mitzuertränken, dann wird schon alles gut werden. War das ein prophetisches Wort? Ist der Ewige Jude am Ziel? Neue Bücher Juden in der deutschen Wirtschaft von Kurt Zie^- lenziger. 288 Seiten. Großoktav. Acht Bildnisse auf Tafeln. Echtes Alfapapier. In Ganzleinen gebunden. — Der Heine-Bund', Eine jüdische I3uchgemeinde, Berlin W 57, Palaßstraße 10/11. (Mitgliedsbeitrag jährlich 12 RM., wofür die Mitglieder jährlich drei Bände nach freier Wahl erhalten; Interessenten erhalten kostenlos ausführliche Prospekte.) Eine Parallelausgabe des Buches für Nichtmitglieder ist im Weltverlag Berlin erschienen. Aus dem Handel und dem Geldgeschäft hervorgegangen — haben sich die Juden innerhalb der deutschen Volkswirtschaft zur Zeit von deren höchster Entfaltung nur als Händler und Bankleute betätigt? Haben sie nicht an dem großartigen Aufschwung der Industrie teilgenommen? Waren sie nur Mittler, Zwischenglieder oder haben sie Leistungen von schöpferischer Kraft vollbracht, von phantasievollem Erfassen neuer Aufgaben, vom Ahnen „kommender Dinge“? Des Verfassers Antwort ist eine indirekte. Er behandelt eine Reihe von typischen Wirtschaftsführern jüdischen Geblüts: die alten Bankfamilien: die Bleichröders, Mendelssohns u. a„ die Leiter der modernen Bankkonzerne: Wassermann, Goldschmidt u. a., die Warenhausdynastien der Tietz, den Kupfer-Hirsch, den Flinten-Loewe, den Stickstoff-Caro, den Tiefbau-Berger, den größten aller Reeder, Ballin, den Schöpfer der AEG Emil Rathenau, und andere Größen. Man sieht, was sie geleistet, aber nicht minder die Voraussetzungen des Aufstiegs: Begabung, Bildung, Familie, das Milieu, die gesamten Zeitverhältnisse. Im Verein mit der Einleitung „Vom Ghettohändler zum Wirtschaftsführer“ und dem „Ausblick“ am Schluß ergeben diese Porträts im Rahmen der deutschen Volkswirtschaft von: 1800 bis 1930 ein Bild von den Sozial- und Wirtschaftswandlungen unter den deutschen Juden, ihrem Anstieg in der Gegenwart, ihrer wirtschaftlichen Zukunft. Denkwürdigkeiten des Aron Isak (1730—1817). Herausgegeben und eingeleitet von Z. Holm. 208 Seiten Großoktav, 8 Tafel- und 2 Textbilder, holzfreies Papier. In Ganzleinen gebunden. — Der Heine-Bund. Parallelausgabe des Buches im Weltverlag. Ein schlichter Mann (1730 zu Treuenbrietzen i. d. M. geboren, gestorben 1817 zu Stockholm) erzählt sein abenteuerliches Leben: Petschaftstecher in seiner Heimatstadt, nachher im mecklenburgischen Bützow, wo er mit den Professoren gut Freund war und viele adelige Kunden hatte; Galanteriehändler im Siebenjährigen Krieg; zuletzt Hofjuwelier und Schützling Gustavs. III. von Schweden und sein Kriegslieferant im russischen Krieg, den er im Hauptquartier genau kennen lernt. Ein schlichter Mann, doch von politischem Scharfblick, diplomatischer Gewandtheit und Tatkraft, der es verstand, den streng kirchlichen Schweden das Niederlassungsrecht für seine Glaubensgenossen förmlich abzutrotzen und so zum Begründer der ersten jüdischen Gemeinde in Schweden wurde. Ein schlichter Mann, aber ein geborener Schriftsteller, dessen naiver treffsicherer Ausdrucksweise ein großer Reiz anhaftet, und der eine der kuriosesten Lebensgeschichten, ein höchst aufschlußreiches Zeitdokument hinterließ. (Wir werden auf diese beiden Neuerscheinungen noch zurückkommen. D. Red.)