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Das jüdische Echo · 1930-12-05 · 49 (5.12.1930) · p. Seite 701

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
17 (1930)
Issue
49 (5.12.1930)
Date
1930-12-05
Page
Seite 701 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 49 Das Jüdische Echo 701 Wenn die Erde nur aus Frankreich oder Amerika, aus Deutschland oder England bestünde, gäbe es keinen Zionismus. Die Stimme der Propheten, die die Rückkehr verkünden, würde tauben Ohren predigen. Könnte Nehemia nach Paris, London, Berlin oder New York kommen und sprechen: „Gehe nach Judäa, in die Stadt der Gräber deiner Väter, und baue sie wieder auf.“ Die Gräber der Väter sind jetzt auf dem Pere- Lachaise. In unserer prosaischen Zeit erscheint der Zionismus, wenn man ihn vom Börseplatz aus betrachtet, als das Werk eines üblen Spaßvogels. So sieht ihn Israel-Paris an. Ich bin nicht seiner Meinung. Ich weiß freilich, daß in gewissen Fällen das Ideal keinen praktischen Nutzen .bringt. Man ißt ja auch die Blumen nicht, die man auf den Tisch stellt! Aber wir wollen doch die Tatsachen richtig sehen. Die Juden, die um den Atlantischen Ozean herum wohnen, sind keine Juden Zions mehr. Man könnte sehr gelehrt darlegen, warum ihre Seele unter dem Bogenstrich Theodor Herzls nicht zu tönen begann. Aber es genügt wohl, wenn man sagt, Jude sein heißt noch nicht: Dichter sein. Nicht alle Christen waren zur Zeit Gottfrieds von Bouillon Kreuzfahrer. Wenn Juden-Franzosen ihren Blick auf Palästina richten, sehen sie es aus sehr großer Entfernung; sie schauen durch das kleine Loch eines mächtigen Teleskops. Fassen wir also die Judenfrage dort, wo sie eine ist: in Polen, in Rußland, in Rumänien, in der Tschechoslowakei, in Ungarn. Dort irrt der Ewige Jude umher. Der Jude dieser Länder ist für die anderen Menschen das, was der tolle Hund der afrikanischen Bleds für die anderen Hunde ist. Man weist ihn von den Häusern hinweg. Er streift umher und sucht etwas zum Fressen. Wenn er es wagt, sich der Stadt zu nähern, so legen die Einwohner auf ihn an. Sehen wir also ein wenig über unsere Grenzen. Frankreich oder Deutschland ist noch nicht die Welt. Es gibt ein Drama in unserer Zeit, ein altes Drama, das plötzlich wieder aktuell geworden ist, ein packendes Drama: das Drama des jüdischen Volkes. In Rußland leben die Juden in der Erwartung, daß man sie umbringen wird. An dem Tag, an dem die Sowjetherrschaft zu Ende geht, kann das Rote Kreuz seine Sanitätswagen bereit halten. Die arische Meute wartet nur darauf, den Juden die Hauer in den Leib zu schlagen. Man haßt sie in Polen, man haßt sie in Rumänien. Es ist ein solider Haß, der wie eine Gruftplatte über ihnen liegt — Zeit ihres Lebens! Im Marmaroschgebiete, in den Schlünden der Karpathen, aus denen sie mit ihren zerschundenen Nägeln nicht wieder in die Höhe klimmen können, herrscht wüstes Elend. Dort, in diesen Ländern, hat eines Tages auf den tief herabhängenden Himmel eine Laterna magica das Gelobte Land projiziert. Ein neues Gelobtes Land, nicht mehr das alte, graue Moses’, sondern ein modernes Gelobtes Land, ein farbiges — eines in den Farben des Union Jack! Der Ewige Jude stand plötzlich still. Wie schön war das Land, das man ihm zeigte! Sonne! Orangen! Holz, um ein Haus zu bauen! Wie einst Sanballat, zur Zeit des Artaxerxes, rief er: „Was tut ihr, ihr armen Juden? Baut ihr wirklich Jerusalem wieder auf? Könnt ihr aus diesen Haufen Staubes die Steine, die einst verbrannten, neu schaffen?“ „Es wird geschehen“, erwiderte ein weißhaariger Engländer. „Bist du Artaxerxes, den man den Langhändigen nennt?“ fragte der Jude. „In unserer Zeit“, erwiderte der weißhaarige Mann, „muß nicht die Hand, sondern der Arm lang sein. Ich bin Balfour, den man den Langarmigen nennt.“ Da sprach der Ewige Jude zum Lord: „Wenn es den Lord gut dünkt, und wenn dein Diener Gnade gefunden hat in deinen Augen, so schicke mich nach Judäa.“ „Hier, mein Jude, sind Briefe,“ erwiderte der Lord, „Briefe für die Herren, die jenseits der Flüsse und Berge herrschen, auf daß sie dir freien Durchzug gewähren in das Land, das meine Laterna magica dir gezeigt hat.“ Und der Ewige Jude folgte der Richtung, die der lange Arm des englischen Lords ihm wies, und gelangte so vor zehn Jahren in das Land Palästina. Bald merkte er, daß mehr als Hunderttausend anderer ihm gefolgt waren. Da sprach er zu ihnen: „Wir wollen uns aufmachen und bauen!“ Aber rings um sie waren Feinde und wachten. Ihr habt begriffen, daß es sich um die Araber handelt. An der Stelle, auf die der Arm Lord Balfours hingewiesen hatte, befanden sich Araber. „Macht nichts!“ sagten die Juden, die aus Galizien, Beßarabien, der Ukraine, der Bukowina kamen, „wir werden mit der einen Hand arbeiten und in der anderen das Schwert halten, wie unsere Väter es taten, als sie im Frühling des Jahres 537 vor Christus zurückkehrten, wie jetzt wir!“ Und wie sie es gesagt hatten, so taten sie auch. Sie kauften hundertdreizehntausend Hektar Boden. Sie legten hundertundeine Kolonie an. Sie hatten es nicht nötig, die Mauern um Jerusalem neu aufzurichten, weil sie seit langem nicht mehr zerstört worden waren, und ebensowenig, die Tore mit Türflügeln, Schlössern und Riegeln zu versehen; dafür aber errichteten sie ansehnliche Vorstädte vor den Mauern der heiligen Stadt. Disengof erbaute den Frühlingshügel. Ruttenberg verband den Jordan mit dem Jarmuk. Tolkowski pflanzte Orangen. Wunderbar! Aber, Ewiger Jude, woher nahmst du denn das Geld zu all dem? Aus der ganzen Welt. Als deine zerstreuten Brüder sahen, wie resolut du den Wanderstab nahmst und schnurstracks von den Karpathen bis zum Jordan marschiertest, da waren alle Blicke auf dich gerichtet. Du schienst ihnen ein Nationalheld, und so warfen sie in kleine blaue, mit dem Davidstern geschmückte Sammelbüchsen, die über alle Länder, in denen deine Leute leben, verbreitet sind, jeden Tag, zu jeder Stunde und unter jedem möglichen Vorwand Markstücke, Dollars, Shillings, Peseten und Gulden. Und dann fingst du an, Dummheiten zu machen. Dein alter Vagabundenstock gebärdete sich so stolz wie eine Hellebarde. Unbedenklich stießt du ihn den Arabern auf den Fuß; gerührt und rührig, wie du warst, glaubtest du, ein Gedanke genüge, um zwanzig Jahrhunderte hinwegzusegen. Du kamst nach Hause zurück wie einst die Emigranten im Gefolge Ludwigs XVIII., ohne dich darum zu kümmern, wer nach deinem Wegzug dein Haus gekauft hatte. Keckheit kann ganz gut sein, aber dann muß sie sich gegen die Großen wenden! Du hattest es satt, dich treten zu lassen. Jedermann wird begreifen, wie angenehm es ist, sich einmal in die Höhe zu richten. Wenn man aber wie Hans Guckindieluft einherstolziert, dann sieht man nicht, was neben einem vorgeht. Ewiger Jude, der englische Lord hatte seinen Arm zurückgezogen!

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