Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 49 (5.12.1930)
- Date
- 1930-12-05
- Page
- Seite 699 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49 Das Jüdische Echo 699 würde man dann auch zu dem Entschluß kommen, die jüdischen Studierenden mehr als bisher zu gemeindlichen Funktionen, natürlich nur honoris causa, heranzuziehen, was beiderseits durchaus vorteilhaft sein könnte. Die Zahl der Studierenden, um die es sich handelt, ist durchaus nicht klein, wie man etwa denken könnte. Prüfen wir daraufhin einmal die bayerischen Hochschulen. Drei Universitäten gibt es im Lande Bayern: München, Würzburg, Erlangen. In München studierten im Sommersemester 1930 247, Würzburg 146 und Erlangen 33 Juden. Insgesamt also 426 jüdische Studierende. Ein Viertel von ihnen sind weiblichen Geschlechts: 102. Die Reichsausländer jüdischer Konfession betrugen 58, die in ihrer Mehrzahl in Würzburg (30), nicht in dem Zentralpunkt München (26), wie man etwa denken und vermuten sollte, dem Studium oblagen. Auf sämtlichen bayerischen Hochschulen beliefen sich die ausländischen Studierenden auf 640, so daß das jüdische Element unter ihnen 9 Prozent ausmacht, hingegen waren im oben angegebenen Semester von 100 Studierenden insgesamt 3,1 Prozent Juden. Die konfessionelle Verteilung zeigt die folgende Aufstellung: Im Sommersemester 1930 waren von 100 Studierenden Universität evangelisch katholisch jüdisch sonstig Erlangen 72,5 24,1 1,9 1,5 München 45,3 49,4 2,7 2.6 Würzburg 34,3 59,3 4,8 1,6 Bayern insges. 46,3 48,3 3,1 2,3 In Bayern gibt es neben den genannten Universitäten die Technische Hochschule in München mit 36 Juden unter 3721 Studierenden oder 0,97 Prozent. Die Handelshochschule in Nürnberg mit 7 jüdischen Studenten unter einer Gesamtzahl von 328 oder 2,1 Prozent und schließlich noch die Hochschule für Landwirtschaft und Brauerei in Weihenstephan mit einem einzigen jüdischen Studenten. Wenn auch die Zahl der jüdischen Universitätsbesucher in Bayern im ständigen Rückgang begriffen ist (im Sommesemester 1910 zählte man 819 Juden [8 Prozent], im Sommersemester 1928 435 [3,6 Prozent], im Sommersemester 1930 426 [3,1 Prozent]), ist ihre Zahl noch immer groß genug, sie systematisch für jüdische Belange zu interessieren. Herbert Philippsthal. Die jüdischen Studenten in Deutschland Berlin, 14. November. (JTA.) In der „Jüdischliberalen Zeitung“ weist Herbert Philippsthal auf die Tatsache hin, daß unter den 132 090 Studierenden auf sämtlichen deutschen Hochschulen im Sommersemester 1930 4972 oder 3,7 v. H. Juden waren, während die jüdische Reichsbevölkerung im Jahre 1925 (wohlgemerkt nicht 1930!) 0,9 v. H, ausmachte. Wir wissen, schreibt Philippsthal, daß der Jude das akademische Studium hoch einschätzt, eine Erscheinung, die bei allen Völkern mit alter Kultur wiederkehrt. Diese Bevorzugung der Geistesarbeit wird ihm zum Vorwurf gemacht. Die Zahl 4972 verliert aber bedeutend an Größe, wenn wir erfahren, daß in ihr 1269 Ausländer jüdischer Konfession enthalten sind. So kommen wir auf die Zahl 3703, und in ihr stecken noch 1048 weibliche Studierende, was das Gesamtbild umformt. Der jüdischen Frau kommt auf den Hochschulen überhaupt eine bemerkenswerte Bedeutung zu, sie bildet unter den studierenden Frauen die hohe Prozentnorm von 5,7 v. H. Man zählte im Sommersemester 1930 an den Universitäten 3370 deutsche Juden und 1006 jüdische Ausländer, an den technischen Hochschulen und Bergakademien 251 deutsche Juden und 279 jüdische Ausländer, an der Handelshochschule 63 deutsche Juden und 89 jüdische Ausländer. Von den Universitätsstädten steht Berlin mit 1401 jüdischen Hochschülern (davon 370 Ausländer) an der Spitze. Es folgen Frankfurt, Heidelberg, Freiburg, Breslau, München und Köln. Die politische Lage im Zionismus Eine Rede Weizmanns London, 1. Dezember. (JTA.) In einer zionistischen Massenversammlung im Finsbury-Park zu London sprach Dr. Chaim Weizmann über die gegenwärtige politische Lage. Er erklärte, die Vertreter der Jewish Agency hätten das Weißbuch nicht angenommen und würden es auch künftighin nicht annehmen. Die Zukunft Palästinas werde, soweit dies von der Jewish Agency abhängig sei, nicht auf dem Geist oder Wortlaut des Weißbuches basieren. Über die Gründe der Vertagung der Verhandlungen mit der Regierung seien kühne Kombinationen angestellt und allerhand Gerüchte aus dunklen Motiven verbreitet worden. Die kurze Unterbrechung der Verhandlungen sei in deren Eigenart begründet. Weizmann kam sodann auf die gegen ihn im Zusammenhang mit seiner Demission in der Presse erhobenen Angriffe zu sprechen, erklärte, daß er an seiner Demission festhalte und gab der Hoffnung Ausdruck, daß seinen Nachfolgern Enttäuschungen, wie sie ihm bereitet wurden, erspart bleiben werden. In den inneren politischen Angelegenheiten jedes Landes müsse der Zionismus strenge Neutralität bewahren. Die zionistische Bewegung habe in jeder Partei Freunde und Gegner. Die Zionistische Organisation und1 ihr Präsident können daher zum Wahlkampf in Whitechapel nicht Stellung nehmen. Doch gab Weizmann seinem Bedauern darüber Ausdruck, daß Harry Snell auf dem letzten Wahlmeeting der Arbeiterpartei in Whitechapel am Sprechen verhindert wurde. Weizmann schloß seine Rede mit einem Appell zu verstärkter Arbeit für den Keren Hajessod und wies auf die Gefahr hin, daß über den politischen Protestkundgebungen die Pflichten bezüglich der Aufbau-Arbeit in Palästina vernachlässigt werden könnten. Die Nachwahl in Whitechapel London, 27. November. (JTA.) Die Wahlpropaganda in Whitechapel steht weiterhin im Zeichen des Kampfes um die jüdischen Stimmen. Mit besonderem Interesse wird einer Propagandarede entgegengesehen, die der ehemalige Kolonienminister Amery, einer der Hauptoppositionsredner in der Palästinadebatte des Unterhauses und Mitunterzeichner des gegen die Regierung gerichteten offenen Briefes der konservativen Führer in der „Times“, am 2. Dezember, dem Voiabend der Wahl, zur Unterstützung des konservativen Kandidaten Guinness iialten wird. Sturm gegen die Labourparty London, 28. November. (JTA.) Das von der Labour Party in Whitechapel einberufene Massenmeeting, auf dem Redner der Poale Zion für die Wahlkandidatur des Labour-Abgeordneten eintreten sollten, gestaltete sich zu einer der stürmischsten und tumultuösesten Kundgebungen, die Whitechapel jemals erlebt hat. Obwohl die Partei Poale Zion zum Besuch der Versammlung aufgefordert