Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 49 (5.12.1930)
- Date
- 1930-12-05
- Page
- Seite 697 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49 Das Jüdische Echo 697 „Die Wahl zur Jüdischen Gemeinde war ein zionistisches Ereignis, und das Ergebnis dieses Wahlkampfes entspricht meinen Erwartungen. Der Arbeit der Jüdischen Volkspartei ist es gelungen, die Juden Berlins an der Gemeinde zu interessieren. Die beste Wahlpropaganda leistete das jetzt von allen Juden gelesene in unserer Ära neu belebte Gemeindeblatt. Unsere Freunde in der Gemeindearbeit sind sich stets darüber klar gewesen, daß wir zunächst einmal aus völlig Indifferenten — antizionistisch interessierte Gemeindemitglieder machen werden und daß es unsere Aufgabe ist, dieses neue Entwicklungsstadium herbeizuführen, um es dann zu überwinden. Die Liberalen haben mit dem Aufwand ungeheurer Mittel in einem hemmungslos geführten Wahlkampf eine Fülle von früheren Nichtwählern an die Urne gebracht. Wir haben als Ergebnis unserer Arbeit 9000 neue Menschen unserer Sache verbunden. Es ging um die zionistische Sache. Diese Wahl war eine Entscheidung für oder gegen den Zionismus. Gab es in unseren Reihen manche, denen eine so klare und eindeutige Parole unerwünscht war, unsere Gegner haben schon dafür gesorgt, daß jeder Jude wußte, worum es geht. Meine seit Jahren vorgetragene Behauptung, daß der alte Gegensatz zwischen Orthodoxie und Liberalismus abgelöst worden ist durch Zionismus und Antizionismus, die auch in zionistischen Kreisen vielfach bestritten wurde, hat durch diese Wahl eine neue Bestätigung gefunden. Die Mehrheit der Juden ist noch nicht zionistisch, aber wer das Ergebnis dieser Wahl richtig bewertet, der muß sehen, daß der Zionismus in unaufhaltsamem Vordringen begriffen ist. Unsere Sache wäre nicht weniger wahr, wenn die Zahl der Anhänger geringer wäre, aber es beweist die Richtigkeit unserer Diagnose von der Gesamtsituation der Judenheit, daß sich heute eine sehr große Zahl von Juden unter zionistische Führung gestellt hat; bei jeder kommenden Wahl werden wir neue Fortschritte zu verzeichnen haben. Es hat sich gezeigt, daß gute Verwaltung — es ist kein Zweifel, daß unsere Freunde ausgezeichnete und auf vielen Gebieten der Verwaltung geradezu vorbildliche Arbeit geleistet haben — allein nicht ausreicht, um die Mehrheit zu erringen. Es geht heute um die letzte grundsätzliche Entscheidung im Judentum: Sichabfinden mit den Verhältnissen, oder Erneuerung jüdischen Lebens durch eigene Tat. Zionismus ist keine billige Ware, und die Eroberung der jüdischen Welt für die große Antwort auf die Judenfrage, die wir vor Jahrzehnten unter ungünstigsten äußeren Bedingungen unternommen haben, muß Zeit in Anspruch nehmen, wenn uns an einer wirklichen Umformung des jüdischen Lebens gelegen ist. Wir sind heute in der legitimen, den Verhältnissen in Wahrheit entsprechenden Situation einer großen, ihrer Verantwortung für die Zukunft bewußten Oppositionspartei. Unsere Aufgabe wird es ein, unsere Sache in Reinheit und mit der moralischen Kraft, die uns unsere Idee verleiht, zu vertreten. Wer vorzeitig zur Macht kommt, erliegt leicht der Gefahr des opportunistischen Kompromisses. Er muß sich unechte Bundesgenossen suchen, um in verhüllter Form Teile seiner Forderungen durchzusetzen. Die vergangene Periode war für uns eine Zeit wichtigster Schulung und Erprobung unserer verwaltenden Fähigkeiten. Die kommende wird eine Zeit bester zionistischer Auseinandersetzung sein können.“ Der Würzburger Pogrom Auf unsere Bitte gibt ein Freund unseres Blattes persönliche Eindrücke wieder: Die Aufführung des „Dybuk“ durch die Habima iru Würzburger Stadttheater am 19. November wurde zu einem Ereignis, das die Würzburger Judenheit nicht so bald vergessen wird. Sie gab nämlich Anlaß zu Ausschreitungen, die pogromartigen Charakter trugen. Am Tage vor der Aufführung und am Vormittag des Aufführungstages wurden überall in der Stadt und Universität hakenkreuzgeschmückte Flugblätter verteilt, die das schlafende Deutschland zum Erwachen aufriefen, zur Bereitschaft gegen „Kulturbolschewismus und -schände“ im Stadttheater. Am späten Vormittag des Aufführungstages erhielt die Polizei — anscheinend durch Indiskretion — von diesem Geheimnis Kenntnis, griff energisch durch und beschlagnahmte den kärglichen Rest der Flugblätter. Schon eine Stunde vor Beginn der Vorstellung sammelte sich eine größere Menge erwachter Deutscher vor dem Stadttheater, gröhlten und beschimpten die Theaterbesucher. Polizei sah man nur im Theater selbst. Versuche der Demonstranten, ins Theater selbst einzudringen, mißlangen. Der Vorstellungsbeginn verzögerte sich aber um eine halbe Stunde, da die Menge begann, gegen die Türen und Fensterläden des Theaters zu drängen, mit Stöcken dagegen zu schlagen und im Sprechchor zu brüllen. Man konnte im Theater hören, wie gut sich das Wort „Pogrom“ für Sprechchöre eignet. Die Aufführung verlief ungestört, da die Polizei inzwischen Verstärkung erhalten hatte. Auch das Publikum war sehr ruhig und stand völlig im Banne des Spiels. Niemand glaubte, daß nach Theaterschluß Ausschreitungen zu befürchten seien; man glaubte, daß die Polizei Herr der Lage sei. Es erweckte schon Verwunderung, als am Schlüsse im Theater verkündet wurde, daß bestimmte Straßen von der Polizei bewacht und daher für Theaterbesucher passierbar seien;. Um so1 verheerender war die Wirkung als man sah, daß nicht einmal das. wahr war. Die Hauptabzugsstraßen, die Theaterstraße zur Juliuspromenade, ferner die Maxstraße war von den Demonstranten besetzt. Die Polizei erklärte dafür einige dunkle Gassen und enge Passagen für sicher. Das. mag für die allerersten, die aus dem Theater kamen, vielleicht richtig gewesen sein, aber nicht, weil die Polizei in genügender Stärke dort wachte, sondern weil die Demonstranten sich noch nicht überallhin verteilt hatten. Sie taten das aber sofort und empfingen alle Durchgehenden mit den üblichen Rufen, wobei es auch nichtjüdischen Theaterbesuchern nicht besser ging. Die Polizei war in vielen Fällen vielleicht machtlos, weil oft ein Polizist 50—100 Leuten gegenüberstand. Sie wartete auf Verstärkung oder auf Wunder. Jedenfalls lief sie ratlos herum oder stand untätig herum, wie z. B. eine Gruppe von etwa 15 bis 20 grünen Polizisten. Hundert Meter davon entfernt wurden in einer dunklen, „freigegebenen“ Gasse, 2 junge Juden ziemlich schwer verletzt, wurde anderen der Hut vom Kopf gerissen, mußten wieder andere Spießruten laufen unter Stößen, Püffen, blutrünstigen Drohrufen, gemeinsten Beschimpfungen. Im ganzen liegen bisher dem Vorstand des C.V. 14 Anzeigen wegen tätlicher Angriffe vor; eine Anzahl dürfte nicht gemeldet worden sein, da man der Täter doch kaum habhaft werden wird.